Midnight Family (2019)

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  2. 90 Minuten

Filmkritik: Nachts unterwegs in Mexiko-City

Zurich Film Festival 2019
Schichtbeginn
Schichtbeginn

Mexiko-City: Die Stadtverwaltung bietet nur 45 Ambulanzen für die neun Millionen Einwohner auf. Diese Unterversorgung ruft immer mehr Private auf den Plan. Diese patrouillieren als private Ambulanzen durch die Strassen. Immer auf der Suche nach Unfällen und - vor allem zahlungsfähigen - Patienten. Die Familie Ochoa ist eine davon. Nacht für Nacht sind Vater und Söhne unterwegs, um Leben zu retten - und um selbst zu überleben.

Kein Geld, kein Benzin
Kein Geld, kein Benzin

Korruption, Konkurrenzkampf und Armut erschweren die Arbeit. Viele Einsätze entpuppen sich im Nachhinein als reine Nullnummern. Denn viele Patienten sind schlicht nicht in der Lage, für den Transport aufzukommen. So muss denn auch der jüngste Spross immer mal wieder sein Taschengeld opfern, wenn Essenszeit ist oder medizinische Produkte gekauft werden müssen. Notfalls leiht man sich Geld von Bekannten, um tanken zu können. Trotz der Gewissheit, dass sie in vielen Fällen kein Geld für ihre Arbeit bekommt, macht die Familie unbeirrt weiter - immer an der Front, zwischen Leben und Tod.

Midnight Family bietet einen einmaligen und berührenden Einblick in das Geschäft mit privaten Ambulanzen. Aus der Sicht einer Familie zeigt er die Schwierigkeiten und Herausforderungen, die dieser Job mit sich bringt. Der Film dokumentiert kommentarlos und vermeidet es, die Regierung oder Gesellschaft offen zu kritisieren. Allerdings sprechen die Bilder Bände und regen trotz einer neutralen Haltung zum Nachdenken an.

Während drei Jahren begleitete Regisseur Luke Lorentzen die Ochoa-Familie bei ihrer Arbeit. Der daraus entstandene Dokumentarfilm gibt einen kleinen Einblick in den täglichen Kampf der Menschen, die anderen helfen wollen. Midnight Family führt die Zuschauer nahe an das Geschehen heran und erzeugt dadurch eine intime Atmosphäre. Die besondere Stärke des Filmes ist es, die Frustration, Schwierigkeiten sowie eine gewisse Resignation der Familie spürbar werden zu lassen. Die Familienmitglieder werden bei der Versorgung von Patienten, bei der Erledigung von Formalitäten im Krankenhaus und beim Kampf um jeden Patienten gezeigt. Lorentzen gelingt es sogar, Polizisten vor die Kamera zu bekommen.

Trotz dieser beeindruckenden Nähe, die der Film bietet, ist er niemals voyeuristisch oder sensationslüstern. Damit wahrt er die Würde der Menschen, die auf Hilfe angewiesen sind. Er zeigt neben all dieser Beschwerlichkeit aber auch, dass die Ochoas auch nur eine normale Familie sind. Es wird gestritten und gelacht; man belehrt sich, man macht sich über den anderen lustig und kümmert sich. Die Kamera hält viele berührende und witzige Momente fest. Diese sind in den meisten Fällen der frechen und forschen Art des 17-jährigen Juan geschuldet. Allerdings ist der kleine Josué der heimliche Star des Films, der bei aller Brutalität, trotz Schmerz und Leid, den diese Arbeit mit sich bringt, immer noch eins ist: einfach ein gewöhnliches Kind.

Intensiv, berührend und erschütternd zugleich: Midnight Family überzeugt durch seinen respektvollen Umgang mit den gezeigten Personen und fesselt durch seine Unmittelbarkeit.

/ sul