Master Cheng - Mestari Cheng (2019)

Master Cheng - Mestari Cheng (2019)

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  3. 114 Minuten

Filmkritik: Leben geht durch den Magen

Kann man das essen?
Kann man das essen? © Frenetic Films

Nach einer schicksalshaften Begegnung reist der chinesische Koch Cheng (Pak Hon Chu) mit seinem Sohn Nunjo (Lucas Hsuan) zusammen in ein kleines Dorf irgendwo in der Prärie Finnlands. Cheng beginnt seine Suche nach einem Bekannten in einem kleinen Lokal, wo sie Sirkka (Anna-Maija Toukko) mit reichlich cholesterinhaltiger Kost bewirtet. Als eines Tages eine chinesische Reisegruppe das Lokal betritt und wegen des spärlichen Buffets nur die Nase rümpft, springt Cheng Sirkka zur Seite und bekocht die Touristen. Innerhalb kurzer Zeit brummt der Laden allen Verständigungsschwierigkeiten zum Trotz.

Würmer anzuspucken und zu ertränken ist ja so romantisch.
Würmer anzuspucken und zu ertränken ist ja so romantisch. © Frenetic Films

Doch das ein oder andere Haar findet sich in dieser leckeren chinesischen Hähnchensuppe des Glücks: Cheng sucht weiterhin vergebens nach seinem Bekannten, Nunjo kann die Augen nicht von seinem Smartphone lösen, und ohne Aufenthaltsbewilligung dürfte Cheng eigentlich gar nicht für Sirkka kochen. Gutes Essen zu servieren, löst schliesslich nicht alle Probleme.

Regisseur Mika Kaurismäki gelingt mit Master Cheng ein launiges und appetitanregendes Feelgood-Movie. Auf der einen Seite erhält der Film seine positive Ausstrahlung durch idyllische Landschaftsbilder, kulinarische Sehenswürdigkeiten und Mitmenschlichkeit, wie sie in Wünschen und Hoffnungen nicht besser sein können. Auf der anderen Seite vollführt Kaurismäki einen Taschenspielertrick: Auf- oder überkochende Dramatik wird frühzeitig vom Herd genommen und gar nicht erst gezeigt. Bei längerem Nachdenken folgt deshalb ein bitterer Nachgeschmack.

«Zurück zur Natur!», forderte der Schweizer Philosoph und Aufklärer Jean-Jacques Rousseau bereits im 18. Jahrhundert. Zu viele Leute und Zivilisation auf einem Fleck können nur zu Neid, Missmut und Problemen führen. Master Cheng nimmt diese Überlegung offensichtlich ernst. Die Handlung spielt nicht nur in einer ländlichen und kaum zivilisierten Gegend Finnlands; das naturnahe und einfache Leben wird richtiggehend zelebriert.

Dieser deutliche Fokus sorgt für ein wonniges Gute-Laune-Gefühl, denn alle sind nett zueinander, auch wenn sie sich nicht verstehen und kennen, helfen sich gegenseitig beim Kochen, bei der Erziehung und halten fest zusammen. Der Film lässt keine Intrigen oder Schicksalsschläge zu. Dass schöne Landschaftsbilder von unendlichen Weiten, wellenlosen Seen und Sonnenuntergängen ihre Wirkung nicht verfehlen, bedarf keiner weiteren Erklärung.

Auch sonst überzeugt die Bildsprache in Master Cheng. Bereits die erste Szene, in denen nur die Füsse von Vater und Sohn beim Verlassen des Busses zu sehen sind und auf dem Boden auftreten, machen deutlich, dass die zwei hierhin gehören. In vielen weiteren Szenen wird mit symbolischen Bildern gearbeitet. Teilweise kratzen sie an der Grenze zum Lächerlichen (Hörschutz, Angelhaken, Rauch), doch die filmische Wirkung verfehlen sie nicht.

Versalzen wird der Film jedoch durch seine einseitige Würzung. So sehenswert, hörenswert und quasi schmackhaft das Gezeigte wirkt, bei genauem Überdenken lässt sich eine gewisse Unreflektiertheit nicht leugnen. So fehlen beispielsweise der Toleranz und Willkommenskultur gegenüber den Touristen die gesunde Skepsis. Gerade in der heutigen Zeit werden schliesslich lokale und globale Schattenseiten deutlich. Auch die Verherrlichung des einfachen ländlichen Lebens wird bereits dadurch ersichtlich, dass Chengs Heimatort Shanghai nur einmal genannt, aber nie wirklich gezeigt wird - aus den Augen, aus dem Sinn. Etwas mehr Differenziertheit hätte nicht geschadet.

Letzten Endes hätte Jean-Jacques Rousseau den eben genannten Punkt vermutlich kurzfristig bedauert, doch seiner Ansicht nach sollte den Leidenschaften und Instinkten der Menschen mehr Wert zugesprochen werden als dem ganzen kopflastigen Zeug. Und besser als mit Essen und schöner Natur klappt das wohl nicht.

Thomas Abplanalp [abt]

Thomas schreibt seit 2015 als Freelancer Filmkritiken für Outnow. Kinematografisches impressioniert nämlichen ohnegleichen: Filmisches ist leidenschaftlich multiplex. Originalität und traumhafte Nostalgie orchestrieren wunderbar.

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