Mes jours de gloire (2019)

  1. 98 Minuten

Filmkritik: Bloody Marys auf das Leben

76. Mostra Internazionale d'Arte Cinematografica 2019
Schnäbi-Kontrolle
Schnäbi-Kontrolle

Der 27-jährige Adrien (Vincent Lacoste) ist ein richtiger Loser. Der frühere Kinderschauspieler hat sich nicht nur gerade aus seiner eigenen Wohnung gesperrt und dafür extra die Feuerwehr reingelegt, um seine vergessenen Schlüssel zu holen. Nein, Adrien hat es in den letzten Jahren richtig verbockt. Er ist pleite, unglücklicher Single, seit Jahren arbeitslos und bewusst nicht in der Lage, sein Leben auf die Reihe zu kriegen. Eigentlich hat er aber auch gar nicht wirklich Bock dazu. So richtig Spass macht ihm das Leben nämlich nicht.

Wenn dir der Himmel auf den Kopf fällt.
Wenn dir der Himmel auf den Kopf fällt.

Als er auf dem Polizeiposten mit einer jungen hübschen Studentin (Noée Abita) flirtet und kurz darauf bei einem Casting für einen "Militärfilm" durch einen glücklichen Zufall die Chance auf einen Job erhält, scheinen sich die Dinge aber auf einmal zu seinen Gunsten zu entwickeln. Mit neuem Selbstbewusstsein geht er seine Probleme an, um dann enttäuscht festzustellen, dass er die letzten Jahre einfach zu sehr verpennt hat und sich die Rechnungen nur so gestapelt haben. Er verliert seine Wohnung, seine kürzlich gewonnene Lebensfreude und zieht wieder bei seinen Eltern ein. Wie es genau weitergehen soll, weiss Adrien nicht...

In der erfrischend-komischen französischen Coming-of-Age-Geschichte Mes jours de gloire von Regiedebütant Antoine de Bary gibt es viel zu lachen. Die kurzweilige Komödie hat zwar nicht partout die sympathischste Hauptfigur, aber Schauspieler Vincent Lacoste verleiht dem Losertypen eine äusserst amüsante Aura. Dass das Leben aber eigentlich gar nicht immer so lustig ist, zeigt de Bary gegen Ende des Films und beendet sein von genialer Situationskomik und vielen Bloody-Marys geprägtes Debüt mit einem kleinen dramaturgischen Dämpfer.

Der französische Regisseur Antoine de Bary gewann in Cannes 2016 zwei Preise für seinen Kurzfilm L'enfance d'un chef. Mit Mes jours de gloire präsentiert er am 76. Venedig Filmfestival nun sein Spielfilm-Regiedebüt in der Nebensektion Orizzonti und hat gute Chancen, dort ebenfalls den Hauptpreis abzusahnen. Sein kurzweiliger Mix aus europäischer Coming-of-Age-Komödie und leichtem Arthouse-Drama trifft nämlich oft den richtigen Ton hat ein paar zum Schreien komische Szenen parat.

Mes jours de gloire beginnt rasant: Bereits die Eröffnungsszene ist ein richtiger Brüller und zeigt schon früh den erfrischenden Sinn für Humor des talentierten Franzosen. Auch danach zeigt er das kaputte Leben des Mittzwanzigers mit lustiger Situationskomik, Momenten des Fremdschämens und dann gegen Ende auch mit mehr Tragik. Hauptdarsteller Vincent Lacoste (Lolo) macht dabei einen fabelhaft kauzigen Eindruck. Wie ein Zombie schlendert er unmotiviert durch den Alltag. Auch wenn Adrien durch seine Lebenseinstellung und unsichere Erscheinung nicht wirklich sympathisch wirkt, schafft es Lacoste trotzdem, den eigenartigen und eigentlich liebenswürdigen Versager so darzustellen, dass er irgendwie drollig ist. Im Zusammenspiel mit den originellen komödiantischen Einfällen ergeben sich dabei viele amüsante Szenen, die man mit einem breiten Grinsen und einigen Lachern verfolgt.

Obwohl im spritzigen Mes jours de gloire die Komik überragt, gibt es im Film auch ein paar dunklere Passagen. Der Nebenplot mit Adriens etwas klischeebehafteten Eltern, gespielt von Christopher Lambert (Highlander) und Emmanuelle Devos (Rois et reine), ist zwar zwischendurch auch humoristisch ausgelegt, geht aber auch ernstere Wege und befasst sich beispielsweise, wenn auch nur am Rande, mit Alkoholsucht und familiären Problemen. Im Schlussakt verabschiedet sich de Bary dann sogar etwas tiefgründiger als erwartet und gräbt noch das zu oft durchgekaute Thema "Mental-Illness" aus. Dieser Mix passt darum so gut, weil trotz aller Komik im gesamten Film etwas Traurigkeit mitschwingt.

Mes jours de gloire ist kein Meisterwerk, dafür ist die Komödie dann doch zu gewöhnlich und handwerklich höchstens im oberen Durchschnitt. Dank Vincent Lacostes Performance und dem originellen Sinn für Humor der Drehbuchautoren ist die Komödie aber trotzdem eine Bereicherung für das Genre.

/ yan