A Russian Youth - Malchik russkiy (2019)

A Russian Youth - Malchik russkiy (2019)

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  2. 72 Minuten

Filmkritik: Krieg macht blind

1. OutNow Film Festival 2020
Der Blick ins Ungewisse
Der Blick ins Ungewisse © Lenfilm Studio

Der jugendliche russische Soldat Alexei (Vladimir Korolev), der aus einfachen Verhätnissen stammt, zieht voller Tatendrang in seine erste Schlacht im Ersten Weltkrieg. Faszinert von den Orden an der Brust des Offiziers, träumt er davon, dereinst auch zu Ruhm und Ehre zu gelangen, wenn er nur genügend Deutsche tötet. Doch die brutale Kriegsrealität kommt schneller, als ihm lieb ist. Einem Angriff von feindlichen Maschinengewehrschützen kann er noch entgehen, doch als der Gegner anschliessend einen Gasangriff startet, verbrennt sich Alexei die Augen und verliert dadurch seine Sehkraft.

Der junge Soldat weigert sich jedoch standhaft, nach Hause zu gehen. In seinem Dorf werde er anderen zur Last fallen und nicht arbeiten dürfen, fürchtet er. Also ersucht er mit Hilfe eines Kameraden beim Offizier die Erlaubnis, an der Front bleiben zu dürfen. Schliesslich findet die Truppe eine Beschäftigung für ihn, bei der ausschliesslich die Hörkraft gefordert ist: Mithilfe eines riesigen Metalltrichters muss er horchen, ob feindliche Flugzeuge im Anflug sind. Doch bald überschlagen sich die Ereignisse.

Mit 1917 inszenierte Sam Mendes kürzlich seine Vision des Ersten Weltkriegs - A Russian Youth ist nun sowas wie die russische Antwort darauf. War der vermeintliche One-Shot das Gimmick im britischen Film, so sind es hier die auf alt getrimmte Kolorierung der Bilder und der selbstreflexive Einsatz der Musik. Das ist formal interessant, erschwert den Zuschauern aber auch ein wenig den emotionalen Zugang zu den Figuren. Dennoch bleibt es beachtlich, wie viel Tiefe Zolotukhin hier in gerade mal 72 Minuten hinkriegt.

Ein «Intonationsbeispiel» wird im Vorspann der Einsatz der Musik in A Russian Youth genannt. Die Kriegsszenen werden während des gesamten Filmes immer wieder unterbrochen von Aufnahmen aus einem Orchester, das zwei Werke Sergei Rachmaninows einübt. Bild und Ton sind dabei bewusst nicht immer synchron. So sind zwischendurch beispielsweise Anweisungen des Dirigenten zu hören, während auf der Leinwand Bilder der Rahmenhandlung zu sehen sind und umgekehrt. Dadurch wird der Erzählfluss immer wieder unterbrochen, was aber auch ein Stück weit Konzept ist. Denn auf diese Weise funktioniert der Film zusätzlich als Reflexion über das Zusammenspiel von bewegtem Bild und Ton - was angesichts der verlorenen Sehkraft des Protagonisten inhaltlich durchaus Sinn ergibt.

Die beiden eingesetzten Werke von Rachmaninow könnten dabei unterschiedlicher nicht sein: das sehnsüchtig-romantische Grundthema seines dritten Klavierkonzertes - das Fans des Künstler-Biopics Shine wohlvertraut sein dürfte - ist ein starker Kontrast zu den dissonant-rhythmischen Tönen der dreissig Jahre später komponierten «Symphonischen Tänze», Rachmaninows letztem Werk. Dies illustriert auch anschaulich das Wechselbad der Gefühle des jungen Protagonisten Alexei.

Der Laiendarsteller Vladimir Korolev zeigt dabei eine eindrückliche Leistung, wenn auch er in einigen Blinden-Szenen ein bisschen zum Overacting neigt. Doch insbesondere in den emotionalen Szenen mit seinen Kameraden überzeugt er durch eine authentisch wirkende Zerbrechlichkeit. Diese Szenen sind übrigens nicht frei von einigen homoerotischen Anspielungen - was insofern bemerkenswert ist, als der Film vom russischen Kultusministerium gefördert worden ist.

Auch sonst entspricht dieser experimentelle Antikriegsfilm nicht gerade der gängigen Vorstellung vom Kreml-kompatiblen Propagandamaterial. Mit der Kolorierung in verwaschenen, blassen Farbtönen ist der Film visuell der damaligen Zeit nachempfunden. Das ist reizvoll umgesetzt, auch wenn es die Distanz der Zuschauer gegenüber dem Geschehen auf der Leinwand zusätzlich verstärken dürfte. A Russian Youth ist so kein einfach zu mögender Film, aber doch ein beachtliches Regiedebüt des erst 31-jährigen Alexander Zolotukhin.

/ ebe