Lyrebird (2019)

  1. 117 Minuten

Filmkritik: Ist das Kunst oder kann das an die Nazis verkauft werden?

44th Toronto International Film Festival
Bang und Krieps - kein Witz, die Schauspieler heissen wirkich so!
Bang und Krieps - kein Witz, die Schauspieler heissen wirkich so!

Holland, drei Wochen nach dem Fall von Hitlers Reich. Der Jude Joseph Piller (Claes Bang) hat im niederländischen Widerstand gegen die Nazis gekämpft. Nun nach Kriegsende untersucht er das Auftauchen des Kunstwerkes "The Supper at Emmaus" des legendären Malers Johannes Vermeer. Gefunden wurde das Bild in einem Versteck von Reichsmarschall Hermann Göring. Piller möchte herausfinden, wie das Gemälde in Görings Besitz kam.

Dabei kommt er schnell auf die Spur des Kunsthändlers Han van Meegeren (Guy Pearce), der beteiligt war, als der Vermeer für 1,6 Millionen Gulden den Besitzer wechselte. Van Meegeren hat sich damit mit Hilfe der Nazis bereichert und mit ihnen zusammengearbeitet. Das Urteil in solchen Fällen: die Todesstrafe. Doch während Piller den Fall etwas genauer beleuchtet, merkt er, dass dies nur die halbe Wahrheit ist und er dabei ist, einen furchtbaren Fehler zu begehen.

Lyrebird erzählt die wahre Geschichte des holländischen Kunsthändlers Han van Meegeren als eine Art Gerichtsthriller, der langsam beginnt, dann jedoch in der zweiten Hälfte richtig interessant und sogar spannend wird. Claes Bang und Guy Pearce gefallen in ihren jeweiligen Rollen und auch wegen ihnen ist das Regiedebüt von Dan Friedkin sehenswert.

Hier ein einfacher Trick, um sich das Sehvergnügen bei Lyrebird komplett zu versauen: Man liest vorhin einfach den Wikipedia-Eintrag über Han van Meegeren, der die ganze Geschichte schön säuberlich auflistet. Damit dürfte auch klar sein, dass der Film von Dan Friedkin auf einer wahren Geschichte basiert, die hier während zwei Stunden aufgerollt wird und so unglaublich ist, dass sie war sein muss - und sie es eben auch ist.

Bevor falsche Annahmen getroffen werden: Dan Friedkin ist nicht der Sohn von Oscarpreisträger William Friedkin (The Exorcist, The French Connection), doch auch sein Vater ist in der Filmbranche tätig - und zwar als Stunt-Pilot. Lyrebird ist nun Dans Regiedebüt, welches er ganz stilsicher inszeniert und sich dabei auf ein gutes Skript sowie Claes Bang (Hauptdarsteller des Cannes-Gewinners The Square, den Dan Friedkin produziert hat) und den wie immer tollen Guy Pearce verlassen kann. Kaum zum Zuge kommen hingegen die weiblichen Schauspieler, darunter Phantom Thread-Star Vicky Krieps. Es geht hier vor allem um die Männer.

Friedkin hält dabei wie die Figur des Han van Meegeren die zu enthüllenden Geheimnisse lange zurück. Die Begründung von Pearces Kunsthändlers gegenüber Bangs Piller ist dann das altbekannte und ziemlich abgedroschene "Ich wollte, dass du es selber herausfindest, sonst würdest du mir es nicht glauben". So ist während des ersten Teils des Filmes lange nicht klar, wohin die Reise gehen wird. Das bringt einige Längen mit sich und mit den Figuren wird man nicht wirklich warm, da sie alle so mysteriös tun. Deshalb bleibt das Ganze trotz der warmen Farbpalette emotional unterkühlt. Liegt dann (fast) alles auf dem Tisch, entwickelt Lyrebird eine angenehme Spannung und hat ein paar interessante Sachen über die Kunstwelt, Kritiker sowie Gut und Böse zu sagen. Je länger der Film dauert, desto besser und einnehmender wird er und es wird klar, dass eben nicht alles so schwarz und weiss ist, wie das die Protagonisten gedacht haben. Kein Kunstwerk, aber alleweil intelligente Unterhaltung.

/ crs