Lynn + Lucy (2019)

Filmkritik: Lucy in the sky, with glitter-top

Zurich Film Festival 2019
Sie feiern..
Sie feiern..

Lynn (Roxanne Scrimshaw) und Lucy (Nichola Burley) sind seit Jahren eng befreundet. Sie wohnen auch direkt vis-à-vis voneinander, sehen sich regelmässig und tauschen sich aus. Lynn hat mit ihrem Partner eine Tochter im Teenager-Alter. Da ihr Partner durch einen Kriegseinsatz eine Verletzung am Bein hat und nicht arbeiten kann, sucht sie einen Job, um die Haushaltskasse etwas aufzubessern. Lucy hat mit ihrem Freund einen Sohn bekommen, welcher wenige Monate alt ist. Sie bleibt zu Hause und kümmert sich um das Kind. Zeit zu zweit haben die beiden Freundinnen in ihren End-Zwanzigern kaum noch, und wenn, dann feiern sie im Pub der Kleinstadt, in der sie wohnen.

..und chillen zusammen!
..und chillen zusammen!

Lynn freut sich sehr, dass Lucy nun auch Mutter geworden ist und sie direkt mit ansehen kann, wie das Kind aufwächst. Doch nach und nach hegen sich bei ihr Zweifel, ob Lucy als Mutter mit der Situation nicht überfordert ist. Nach einem tragischen Zwischenfall wird die Freundschaft der beiden Frauen auf eine harte Probe gestellt. Sie müssen feststellen, dass der Dorftratsch unaufhaltbar und ein einst zerstörter Ruf nicht wiederherstellbar ist.

Lynn + Lucy ist ein Sozio-Drama, in dem es um Freundschaft, Perspektivlosigkeit und den Alltag in der Unterschicht Englands geht. Es wirkt alles sehr authentisch, als hätte Regisseur Fyzal Boulifa in einem beliebigen Quartier zufällig ausgewählten Menschen eine Kamera vor die Nase gehalten und gesagt: «Don't act, just be yourself». Das soll jedoch die schauspielerischen Leistungen der beiden Hauptdarstellerinnen Roxanne Scrimshaw und Nichola Burley nicht schmälern. Mit seinem an die Filme von Ken Loach erinnernden Regiedebüt ist Boulifa ein äusserst authentisches Drama mit dichter Atmosphäre gelungen.

Für seinen ersten Langfilm hat sich Fyzal Boulifa eine raue Umgebung ausgesucht: Lynn + Lucy spielt in einer britischen Kleinstadt in der Unterschicht Grossbritanniens. «White Trash straight from UK», sozusagen. Ins Zentrum seiner ruhigen, sich gemächlich entwickelnden Geschichte stellt er zwei Frauen in ihren späten Zwanzigern und deren Umfeld.

Boulifa und Taina Galis, die für die Kameraarbeit verantwortlich ist, erschaffen eine dichte Atmosphäre durch authentische Bilder aus der direkten Umgebung der beiden Frauen: kleine, beengende Häuser mit Teppichboden, enge Gässchen, ein halbleeres Kleinstadt-Pub und zugleich eine gewisse Hoffnungslosigkeit, die sich über die ganze Szenerie legt. Billige Glitzer-Fummel treffen auf Jogginghose, bröckelnde Backsteinwände auf Langzeit-Arbeitslosigkeit. Alles ist irgendwie schmuddelig und verrucht in Englands Lower-Class, einen Hoffnungsschimmer auf Ausstieg daraus sucht man vergebens. Irgendwie ahnt man bereits, dass das nicht gut kommen kann.

Die Jobs sind rar, das Dorfgeschwätz unaufhaltbar und der Ruf schneller verloren, als einem lieb ist. Wenn der gesellschaftliche Druck immer grösser wird, böse Sprayereien an den eigenen Hauswänden prangern und die letzte, verbliebene Verbindung zerbricht, kann dies schreckliche Auswirkungen auf einen Menschen haben. Genau dies einzufangen und auf die Leinwand zu projizieren, gelingt Boulifa eindrücklich: den Lauf des Lebens unter schweren Umständen und eine enge, tiefe Freundschaft. Sinnbildlich für den Niedergang der Freundschaft der beiden Frauen sind Lucys Haare: Erst blau leuchtend und schulterlang, werden diese mit einer Schere bis auf den blonden Ansatz gekürzt.

/ yab