The Sleepwalkers - Los sonámbulos (2019)

The Sleepwalkers - Los sonámbulos (2019)

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  2. 107 Minuten

Filmkritik: Familienzusammenhalt

Ganz friedlich...
Ganz friedlich... © trigon-film

Luisa (Erica Rivas) fährt mit ihrem Mann Emilio (Luis Ziembrowski) und ihrer fünfzehnjährigen Tochter Ana (Ornella D'Elia) zur Schwiegermutter, um dort gemeinsam mit dem Rest der Familie den Jahreswechsel zu feiern. Emilios Mutter Mémé (Marilu Marini) möchte nach dem Tod des Ehemanns die grosse Villa verkaufen. Emilio ist dagegen, während sein Bruder und seine Schwester dafür sind. Sich gegen die autoritäre Art der Mutter durchzusetzen, fällt ihm und auch Luisa schwer. Als sie sich auch in die Erziehung ihrer Teenager-Tochter einmischt, platzt Luisa der Kragen.

...oder etwa doch nicht?
...oder etwa doch nicht? © trigon-film

Ana wächst langsam zu einer jungen Frau heran. Sie hat ihre erste Periode bekommen und fühlt sich von ihrem älteren Cousin Alejo (Rafael Federman) angezogen. Mit seiner Anwesenheit bei der Familienfeier hat keiner gerechnet, doch seine charmante Art lässt sie erstmal vergessen, weswegen er so lange gefehlt hat. Ana und Alejo nähern sich an. Ana ist von der verwegenen Seite des Cousins fasziniert und ärgert sich, dass ihre Mutter sie ausbremsen will.

Die argentinische Regisseurin Paula Hernández inszeniert ungeschönt die Dynamiken und Konflikte einer grossen Familie. Weitgehend im Handkamerastil aufgenommen, führt das Drama die Zuschauer sehr nahe an die Figuren heran und überzeugt durch die präzise Charakterzeichnung und die Evokation einer abwechselnd gelösten und angespannten Stimmung.

Paula Hernández interessiert sich in ihrem neuen Film erneut für die Familienstrukturen, das Verhältnis zwischen Eheleuten und der Beziehung zwischen Eltern und Kinder. Los sonámbulos kombiniert Ehedrama und Familienzwist mit einer Coming-of-age-Geschichte. Drei Generationen nimmt die Autorin dabei unter die Lupe. Unausgesprochenes liegt auf allen Ebenen in der Luft, schürt Misstrauen und schliesslich Gereiztheit. Alles andere als Familienidylle also. Dem einen oder anderen wird die Situation bekannt vorkommen. Gerade bei Feiern kriegt man sich besonders gerne in die Haare.

Wie die titelgebenden Schlafwandler bewegen sich die Frauen in diesem Film durch die Geschichte: vorsichtig, entkräftet und mental immer wieder abwesend. Es bedarf eines heftigen Streits und eines schrecklichen Vorfalls, damit Luisa und Ana endgültig aus ihrer Lethargie erwachen. Bis es zum explosiven Ende kommt, schafft es Hernández eindrücklich genau, diese Langeweile einzufangen, die den Figuren im Film anhaftet. Es ist heiss und es gibt nichts zu tun. Nur das Faulenzen am Pool und das Schlürfen von alkoholischen Getränken bieten eine gewisse Ablenkung.

Los sonámbulos spielt in der argentinischen oberen Mittelschicht und erinnert stark an La ciénaga, einen frühen Film von Lucrecia Martel, der zu den Meilensteinen des zeitgenössischen argentinischen Kinos gehört. Eindeutig klingt auch Julie Delpys Familientragikomödie Le Skylab an, der im Vergleich zu den beiden lateinamerikanischen Werken auf eine etwas humorvollere Ausrichtung setzt.

Die Stärke des Films liegt in der Konzentration in Bezug auf Raum und Zeit. Die Spannung hält der Film von Anfang an aufrecht und überzeugt durch einen schnellen Schnitt sowie eine dichte Inszenierung. Hernández' aktuelles Drama interessiert sich für die weibliche Perspektive, ohne parteiisch oder moralisierend zu sein.

Teresa Vena [ter]

Alles begann bei Teresa damit, dass sie, noch viel zu jung dafür, ihren Vater überzeugen konnte, «Gremlins» im Fernsehen schauen zu dürfen. Seitdem gehört absurder Humor und Spannung zu jedem guten Film dazu. Kino aus Asien und Lateinamerika, aber auch aus der Schweiz sind ihre Steckenpferde.

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Trailer Originalversion, mit deutschen und französischen Untertitel, 02:01