Los lobos (2019)

Los lobos (2019)

  1. 95 Minuten

Filmkritik: Nichts mit La Bamba

Bäumiger Tapetenwechsel
Bäumiger Tapetenwechsel © trigon-film

Lucia (Martha Reyes Arias) emigriert mit ihren beiden kleinen Söhnen Max und Leo aus Mexiko in die USA. Die Jungs träumen von nichts sehnlicher als einem Besuch im Disneyland, doch dieser Traum scheint noch meilenweit entfernt. Zuerst muss nämlich eine Bleibe gefunden werden, bei welcher ihr papierloser Status keine Rolle spielt. Die chinesische Familie Chang bietet ihnen eine ranzige Einzimmerwohnung für 500 Dollar im Monat an, was für die mittellose Lucia ein Vermögen ist

Ninjago war gestern
Ninjago war gestern © trigon-film

Die alleinerziehende Mutter hält sich mit mehreren Jobs in Schwarzarbeit über Wasser, während sie ihren Söhnen eine Liste von Regeln aufstellt. Zuoberst heisst es: «Wir dürfen die Wohnung niemals verlassen». So müssen sich Leo und Max mit sich selbst beschäftigen, während sie draussen andere Kinder beim Fussballspiel auf der Wiese beobachten. So hat sich wohl niemand das Leben in Amerika vorgestellt, und der Traum von Disneyland droht zu platzen.

Anstatt eine komplexe Geschichte zu erzählen, beobachtet die Kamera von Octavia Auruz lediglich das Geschehen. Ähnlich wie Protagonisten bleibt sie grösstenteils in der engen Wohnung eingesperrt und vermittelt so ein Gefühl von Klaustrophobie. Die langen Tage, die Leo und Max im Appartement verbringen, fühlen sich auch für das Kinopublikum lange an und brauchen Geduld. Aufgelockert wird die trübe Stimmung nur durch kurze, liebevolle Animationssequenzen als bildliche Darstellung der unerschöpflichen Fantasie der Kinder.

Los Lobos ist weit weg von der Lebensfreude des Sommerhits «La Bamba» der gleichnamigen Band. Mit der hauptsächlich trüben Grundstimmung schwebt in der Naivität der Kinder auch immer etwas Hoffnung mit. Während Mutter Lucia sich abrackert, flüchten die Söhne in ihre eigene Fantasie, wo aus dem einengenden Zimmer plötzlich eine grössere Welt entstehen kann. Für ein wohlhabendes Publikum zeigt der Film einmal mehr, «wie gut wir es doch haben» und wie viele Menschen unvorstellbare Hindernisse überwinden müssen, nur um überleben zu können.

Die Natürlichkeit der Kinderdarsteller ist bemerkenswert und es kommt nie das Gefühl von Schauspielerei auf. Durch die realistische Erzählweise fehlt unglücklicherweise auch die Charakterzeichnung ein wenig. Wenn der Film Exposition vermitteln möchte, tut er dies etwas ungeschickt mithilfe eines Kassettengerätes, das etwas zu oft verwendet wird. Im letzten Akt bringen die Filmemacher noch das Element von Religion und Glaube in die Geschichte. Diese Komponente kommt viel zu spät und wird nur gestreift. So wird nie wirklich klar, ob die Familie wirklich gläubig ist oder nur wegen der Armenhilfe in die Kirche geht. In solchen Momenten wäre etwas mehr Dialog hilfreich gewesen.

Mehrere Male fügt Regisseur Leopo kunstvolle Bilder von Menschen ein, die ein ähnliches Schicksal wie die Hauptfiguren erlebt haben. Diese sind zwar wunderschön anzuschauen, kommen aber aus dem Nichts und bleiben auch dort. Dennoch sind es Bilder, die etwas auslösen - wären sie nur besser mit der Geschichte verflechtet. Die stärkste Szene kommt zum Schluss, wo ein einfaches Lächeln beinahe mehr aussagt als die vorgängigen 90 Minuten. Es ist ein starkes Ende eines Filmes, der immer wieder seinen Rhythmus sucht und ihn nicht ganz zu finden scheint.

Marco Albini [ma]

2003 verfasste Marco seine erste Kritik auf OutNow und ist heute vor allem als Co-Moderator des OutCast tätig. Der leidenschaftliche «Star Wars»-Fan aus Basel gräbt gerne obskure Genrefilme aus, aber Komödien sind ihm ein Gräuel.

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