The Lighthouse (2019)

The Lighthouse (2019)

Der Leuchtturm
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  3. 109 Minuten

Filmkritik: A Siren's call

72e Festival de Cannes 2019

Thomas Wake (Willem Dafoe) und Ephraim Winslow (Robert Pattinson) beginnen im Jahre 1890 ihr vierwöchige Schicht als Leuchtturmwärter auf einer Insel vor Neu-England. Als erfahrener Leuchtturmwart zeigt Wake Winslow schnell, wer das Sagen hat und lässt diesen nur mindere Tätigkeiten verrichten. Das Lampenhaus lässt er Winslow nie betreten, obwohl die beiden sich eigentlich auf der Spitze des Leuchtturmes in Schichten abwechseln sollten. Die Arbeit ist schwer, die Bedingungen sind garstig, und gerade gesprächig sind die beiden Männer auch nicht.

Die vier Wochen gehen vorbei, die beiden haben sich mit der jeweiligen Rolle arrangiert, zuweilen sprechen sie auch über ihre Vergangenheit miteinander. Wake warnt Winslow ausdrücklich davor, jemals einer Seemöwe etwas zuleide zu tun, denn dies bringe Unglück mit sich. Winslow, von der harten, schmutzigen Arbeit gepeinigt, schlägt jedoch in der Wut eine Seemöwe tot, als er einen Vogelkadaver in der Zisterne findet. Keine gute Idee, denn einen Tag vor der geplanten Abreise zieht ein tobender Sturm auf, welcher um die Insel fegt und die beiden Männer auf ihr festhält.

Robert Pattinson und Willem Dafoe überzeugen im neuen Film von The Witch-Regisseur Robert Eggers in dem Setting als zerstrittene und doch stets aufeinander angewiesene Leuchtturmwächter. Dass sie zunehmend einsamer werden auf der Insel und schmutzige Details aus der Vergangenheit ans seltene Tageslicht kommen, begünstigt ihre Zusammenarbeit nicht unbedingt und führt unweigerlich zu einer Spirale aus Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit und gewaltvollem Exzess. Grossartig!

Von Regisseur Robert Eggers haben wir 2015 das erste Mal etwas gehört, als er mit seinem Meisterwerk The Witch debütierte. Nun, knappe vier Jahre später, legt er mit The Lighthouse nach, angelt sich einen namhaften Cast mit Willem Dafoe und Robert Pattinson und mit Jarin Blaschke den Mann hinter der Kamera, mit dem er bereits für seinen Debütfilm zusammengearbeitet hat.

Was diese Männer zusammen erschaffen, ist pure Kino-Magie. Während knapp zwei Stunden dürfen sich die beiden Akteure die Seele aus dem Leib spielen und widrigster Umgebung trotzen. Als wäre Nebel nicht an sich bereits trostlos, ist auch das Klima garstig: Der Wind peitscht, die Wellen schlagen an Klippen und Gebäude und spülen weg, was nicht fixiert ist. Zum ohrenbetäubenden Tosen der Wasser- und Windmassen gesellt sich der mechanisch-rhythmische Schrei des Leuchtturms, wie ein gigantisches Metronom.

Es beginnt mit den zwei Leuchtturmwächtern, die in der Nebelsuppe einer ungewissen Zukunft entgegenblicken. Es scheint ein gottverlassener, von harter Arbeit und wenig Menschlichkeit geprägter Ort, so zumindest lässt es der Umgang der beiden Männer miteinander schliessen.

Eggers erschafft ein hypnotisches, dreckiges, maschinelles Werk. Er präsentiert dieses in einer Art und Weise, wie es nur ein richtiger Cineast präsentieren kann: Ganz in Schwarzweiss, mit eigens für die Produktion entwickelten Spezialfiltern und im Format 4:3 analog auf 35mm gefilmt, sind die Bilder so erdrückend schwerfällig, dass sie einem beinahe die Luft nehmen. Obwohl die Insel von der Weite der See umgeben sein sollte, erschafft Eggers eine wahnsinnig beklemmende, ausweglose Klaustrophobie, welche das Gefühl von totaler Auslieferung der Charaktere an die gegebenen Umstände verursacht.

Irre Kamerafahrten begleiten die Akteure im und um den Leuchtturm, die Kamera fängt ein, was dem Zuschauer lieber verborgen bleiben würde: tote Möwen in der Zysterne, Exzesse nach intensivem Alkoholkonsum oder den totalen Wahnsinn, dem die beiden Männer langsam aber sicher verfallen. Realität und Fiktion verlaufen langsam ineinander. The Lighthouse ist ein Mindfuck, der vor Gewalt und absolutem Wahnsinn nicht zurückschreckt, eben ein gottloser, ohrenbetäubend dröhnender, dreckiger Hypnose-Trip, wie ihn nur das Kino erschaffen kann.

Yannick Bracher [yab]

Yannick ist Freelancer bei OutNow seit Sommer 2015. Er mag (Indie-)Dramen mit Sozialkritik und packende Thriller. Seine Leidenschaft sind Filmfestivals und die grosse Leinwand. Er hantiert phasenweise noch mit einem Super-8-Projektor und lernt die alten Filmklassiker kennen und schätzen.

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