Lara (2019)

Lara (2019)

Filmkritik: Oh Mother ...

Zurich Film Festival 2019
"Wolle Rose kaufen?"
"Wolle Rose kaufen?"

Lara (Corinna Harfouch) feiert ihren 60. Geburtstag. In Feierlaune ist sie aber gar nicht. Stattdessen öffnet sie noch in den Morgenstunden ein Fenster in ihrer Hochhauswohnung und ist kurz davor hinauszuspringen. Doch dann klingelt es an der Türe und so beschliesst Lara den Tag trotzdem anzugehen. Heute ist nämlich nicht nur ihr Geburtstag, sondern auch für ihren Sohn Victor (Tom Schilling) ein besonderer Tag. Der junge Pianist hat zum ersten Mal selbst komponiert und führt sein Werk mit der Unterstützung eines Streichorchesters in ein paar Stunden zum ersten Mal auf.

"Junge, warum hast du nichts gelernt ..."
"Junge, warum hast du nichts gelernt ..."

Lara versucht ihren Sohn telefonisch zu erreichen, doch landet sie immer direkt auf dem Anrufbeantworter. Während des Tages wird immer mehr klar, dass die Beziehung zwischen Mutter und Sohn schwierig ist und Victor deshalb auch lieber bei der Grossmutter (Gudrun Ritter) lebt und sich mehr an seinen Vater (Rainer Bock) hält. Und das kommt nicht von irgendwoher ...

Jan Ole Gersters Drama hat zu Beginn Mühe in die Gänge zu kommen, da die Zuschauer einer schwer zu mögenden Titelfigur folgen müssen. Doch je länger der Film dauert, desto mehr wird klar, dass dies eine gelungene Charakterstudie ist, die von Corinna Harfourchs toller Performance sicher ins Ziel getragen wird.

Lara - die Protagonistin und der Film - sind nur schwer zu mögen. Doch wer die ersten 30 Minuten aushält, erhält eine stark gespielte Charakterstudie einer Person, die wahrscheinlich einen grossen Teil ihres Lebens streng und kalt war und nun dafür die Quittung zu bekommen scheint.

Zudem nimmt es einen halt schon wunder, wieso die von Corinna Harfouch gespielte Lara gleich zu Beginn aus dem Fenster springen will. Die folgenden 90 Minuten zeigen dies auf, ohne dabei jedoch auf Rücklenden zurückzugreifen. Regisseur Jan Ole Gerster zeigt das Leben der Lara, indem wir ihr einen Tag lang folgen und bei allen Begegnungen dabei sind. Die Leute, die dabei anzutreffen sind, sagen mal direkt und auch mal indirekt einiges über das Geburtstagskind aus. Auch, dass Lara am Konzert ihres eigenen Sohnes scheinbar nur Tickets in den hinteren Reihen bekommt, spricht Bände. Sie wird von ihren "Liebsten" auf Distanz gehalten, weil sie wohl auch mit ihrer Strenge das gleiche gemacht hat. Aber auch mit den Taten ihrer Figur zeichnet Harfouch trotz vieler Andeutungen ein präzises Bild einer Frau, die oft nur kritisiert und für die selten etwas gut genug war - und die sich selbst offensichtlich nicht gut genug ist, aber auch gleichzeitig glaubt, zu gut für andere zu sein. Lara ist eine komplizierte Person, die von Gerster deshalb auch nicht in eine Schublade gesteckt wird.

Damit folgt Gerster auch ein wenig dem Muster seines Vorgängers Oh Boy, wo man Tom Schillings Studienabbrecher einen Tag lang begleitete - Schilling spielt hier übrigens den Sohn der Titelfigur. Der Humor der schwarzweissen Tragikomödie geht Lara leider ein wenig ab, obwohl es schon ein paar Lacher gibt. Corinna Harfouch zeigt eine tolle Leistung als zerstörerisches Mami, deren Verhalten in einer der letzten Szenen noch ein wenig verständlicher gemacht wird. Der Film macht es sich da etwas einfach und erinnert in seiner Auflösung an Damien Chazelles Whiplash, doch passt es durchaus in das Gesamtkonzept des Filmes. Kein einfaches Werk, aber wer gut gespieltes deutsches Drama-Kino mag, ist hier gut aufgehoben.

/ crs

Trailer Deutsch, mit englischen Untertitel, 02:05