Knives Out (2019)

Knives Out (2019)

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Filmkritik: Die Familie kann man sich nicht aussuchen

44th Toronto International Film Festival
Ermittle mit Gemütlichkeit, mit Ruhe und Gemütlichkeit ...
Ermittle mit Gemütlichkeit, mit Ruhe und Gemütlichkeit ...

Der 85-jährige Autor Harlan Thrombey (Christopher Plummer) hat mit seinen von ihm geschriebenen Krimis ein Vermögen verdient, von dem auch seine ganze Familie jeweils profitierte. Doch eines Morgens wird der alte Mann mit aufgeschlitzter Kehle auf seinem Anwesen aufgefunden. Die Ermittler Elliott (LaKeith Stanfield) und Wagner (Noah Segan) nehmen sich des Falls an und finden aufgrund der Beweise schnell heraus, dass es ein Selbstmord war. Bei ihnen ist auch der Privat-Detektiv Benoit Blanc (Daniel Craig), der das jedoch nicht wirklich glauben will, und er stellt beim Verhör den einzelnen Familienmitgliedern unangenehme Fragen.

"Wer holt das Messer? Für den Kuchen, natürlich ..."
"Wer holt das Messer? Für den Kuchen, natürlich ..."

Es scheint, dass jeder in der Familie mit Harlan in der Nacht zuvor einen Streit hatte. Seine Kinder Walt (Michael Shannon) und Linda (Jamie Lee Curtis), deren Ehemann Richard (Don Johnson), Schwiegertochter Joni (Toni Collette), die Enkelkinder Ransom (Chris Evans), Meg (Katherine Langford) und Jacob (Jaeden Martell) haben wohl alle etwas zu verstecken. Zusammen mit der Pflegerin Marta (Ana de Armas) nimmt Benoit die Ermittlungen auf.

Rian Johnsons Knives Out ist ein höllisch-unterhaltsames, sehr gut geschriebenes, cleveres und vor allem auch lustiges Whodunit. Die Bausteine des Genres hat er genau analyisiert und sie neu arrangiert und erschuf damit einen frisch wirkenden Krimi, der nicht nur reine Hommage an Agatha Christie ist, sondern den Vergleich mit der Meisterin überhaupt nicht scheuen muss.

Als Knives Out seine Weltpremiere am Toronto-Filmfestival feierte, war natürlich auch Regisseur Rian Johnson zugegen. Als er vor dem Film von dem Moderator auf die Bühne gebeten wurde, stürmte der Mann aus Maryland im High-Speed auf die Bühne. Er strahlte eine richtige Freude aus, die auch in seinem fünften Film - und dem ersten nach seinem "kontroversen" Star Wars: The Last Jedi - zu spüren ist.

Es geht wie so oft in einem sogenannten "Whodunit" um einen Mord. Doch anstatt die Ermittler stier an die Arbeit zu schicken, hat Johnson lieber Spass mit dem grossen Ensemble, welches er versammelt hat. Das Staraufgebot wird eigentlich nur noch von Avengers-und Ocean's-Filmen getoppt. Daniel Craig, Chris Evans, Ana de Armas, Jamie Lee Curtis und viele mehr geben diesem Krimi die Klasse und bekommen viele herrliche Sätze in den Mund gelegt. Aus Sprüchen werden immer wieder Running Gags und die Popkultur-Referenzen - von Murder She Wrote bis Baby Driver - fallen nicht negativ auf, sondern passen perfekt.

Eine Kritik zu einem solchen Film zu schreiben, ist immer äusserst schwierig, sollte der Kinogänger doch das Ganze ohne jegliches Vorwissen geniessen können. Denn, was Johnson hier an Twists auffährt, ist schon ziemlich cool. Dabei packt er nicht unbedingt alles ans Ende. Nein, Johnson hat das Genre genau analysiert, die Bausteine dann genommen und den einzelnen Elementen neue Positionen in der Geschichte zugeteilt. Das führt immer wieder zu lustigen Kapriolen und unerwarteten Situationen, wobei sich irgendwie kaum jemand besonders schlau anstellt. Wirklich blöd ist hier niemand, doch es fehlen bei fast allen Beteiligten ein paar Intelligenzquotientpunkte, was zu herrlichen Momenten führt. Das gilt nicht nur unbedingt für die Verdächtigen, sondern auch für die Ermittler. Die beiden Cops wirken zwischendurch recht verpeilt und Craig als eine Art Columbo hat sichtlich Spass an seinem Part des Detektivs Blanc. Die Frage sei erlaubt, wieso 007 nicht mehr Komödien dreht. Die Casting-Leute haben allgemein grossartige Arbeit vollbracht: Evans ist richtig hassenswert (der Mann mit America's Ass ist ein Arschloch!), de Armas mit ihren Rehaugen das perfekte Unschuldslamm und es gibt sogar ein Wiedersehen mit M. Emmet Walsh (Blood Simple).

Am Ende bleibt vor allem Bewunderung für Johnsons Skript. Zwar sind ein paar Sachen ein bisschen überkonstruiert, doch das gehört auch irgendwie zu einem solchen Plot dazu. Knives Out ist clever geschrieben, genial gespielt und vor allem über die ganze Laufzeit von 130 Minuten unterhaltsam. Aus Altmodischklingendem machte Johnson etwas, dass sich frisch anfühlt. Es ist am Ende zwar "nur" ein Krimi, doch in den letzten Jahren gab es selten einen derart fast perfekt inszenierten, humorvollen und überraschungsreichen Genrevertreter. Solche Filme gibt es aufgrund der Fokussierung der grossen Studios auf Blockbuster leider immer weniger. Auch deshalb sollte man Knives Out unbedingt im Kino schauen gehen. Aber eben nicht nur deshalb. Denn dies ist einer der besten Filme der letzten Jahre.

/ crs