The King (2019)

Filmkritik: Auf den Thron gezwungen

76. Mostra Internazionale d'Arte Cinematografica 2019
Frisur: Kronenschnitt
Frisur: Kronenschnitt

Der eigensinnige Prinz Hal (Timothée Chalamet) kommt seinen Verpflichtungen als Erbe des Königs von England längst nicht mehr nach. In seiner Kindheit wurde er Zeuge all der Fehden und Kriege seines Vaters Henry IV (Ben Mendelsohn). Dies verabscheute er sein Leben lang. Statt am königlichen Hof lebt er in einer kleinen Hütte in ärmlichen Verhältnissen. Lieber zieht er mit seinem Mentor und besten Freund Falstaff (Joel Edgerton) um die Häuser, um zu festen, zu trinken und Frauen zu erobern.

Als sich der Gesundheitszustand des Königs drastisch verschlechtert, bestimmt er seinen jüngeren Sohn Thomas (Dean-Charles Chapman) als Nachfolger, weil sich Hal vom königlichen Hof abgewendet hat. Vom ambitionierten Hotspur wird Thomas umgehend zum Duell aufgefordert, da er dessen Platz einnehmen möchte. Dies akzeptiert hingegen Hal nicht und stellt sich anstelle von Thomas dem Kampf. Er bezwingt Hotspur, und als Thomas kurze Zeit später in einer Schlacht ums Leben kommt, gibt es für Hal kein Zurück mehr. Er tritt sein Erbe an und wird König von England. Dabei schwört er sich, Frieden zu wahren. Doch Frankreichs König Dauphin (Robert Pattinson) erschwert ihm dies mit seinen Provokationen...

Shootingstar Timothée Chalamet trumpft gross auf in der Netflix-Produktion The King! Sein etwas gar schneller Wandel vom eigensinnigen, unbekümmerten Prinzen zum starken, verantwortungsbewussten König sei dem Film verziehen. David Michôd bleibt seinem Stil treu: Die Bilder seines neusten Werks sind kalt und düster und passen zur Ungewissheit, welche über Englands Königreich herrscht. Epische, intensive Kämpfe, ein bewegender Soundtrack und eine intrigenreiche, spannende Story machen das historische Kriegsdrama zu einer der Filmperlen aus dem Netlix-Repertoire.

Das grosse Lob für The King gebührt dem König selbst. Timothée Chalamet ist die tragende Kraft des Films. Einmal mehr stellt er unter Beweis, wieso sein Aufstieg zum Superstar so rasant verläuft. Und dies ist bei diesem Film keineswegs selbstverständlich. Denn die Rolle fordert viel, sogar sehr viel von ihm. Einerseits macht seine Figur einen grossen Wandel durch - dem der Plot zugegebenermassen etwas zu wenig Zeit lässt. Zum anderen wird Chalamet auch physisch sehr viel abverlangt. Dass er grosse Gefühle stark zu vermitteln vermag, wissen alle spätestens seit Call Me by Your Name. Aber dass er ein Schwert überzeugend schwingt und seine Fäuste ordentlich fliegen lässt, überrascht doch angesichts seines eher schmächtigen Körpers.

Joel Edgerton ist ebenfalls grossartig als treuster Freund und Mentor Falstaff. Er vermittelt dem Film eine humorvolle Note und wird trotz einigen Kilos, die er für den rundlichen Bauch zulegen musste, ebenfalls in die Schlacht geschickt.

Ergänzt wird die humorvolle Note von Robert Pattinson in der Rolle des französischen Königs Dauphin. Gleichzeitig wirft dies aber auch Fragen auf. Wieso um Himmels Willen wird ein Brite für den französischen Part engagiert? Pattinson spricht Englisch mit falschen französischen Akzent. Und in einer Szene gibt sein Dauphin den Engländern zu verstehen, dass er mit ihnen bevorzugt Englisch statt Französisch kommuniziert, weil deren Sprache "so simple and so ugly" sei. Sehr komisch, aber die ganze Performance kommt eher als Persiflage rüber.

Für das Drehbuch, an dem Michôd selbst als Co-Autor beteiligt war, orientierte er sich an den diversen Shakespeare-Werken zu König Henry. Sprachlich fliesst dies hingegen nicht ein. Das Skript enthält starke Dialoge - oder Monologe wie die grossen Reden des Königs - sowie Überraschungsmomente und Wendepunkte.

Visuell demonstriert Michôd den düsteren, kalten Stil mit wenig gesättigten, kühlen Farben, wie bereits in Vorgängerwerken wie Animal Kingdom oder The Rover eingesetzt. Damit kreiert er die richtige Atmosphäre für die Zeiten des Krieges, des Elends und der Ungewissheit.

/ gli