Joker (2019)

Joker (2019)

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  3. 122 Minuten

Filmkritik: Lachen bis der Arkham-Arzt kommt

76. Mostra Internazionale d'Arte Cinematografica 2019
"Ich habe meine Haltestelle verpasst!"
"Ich habe meine Haltestelle verpasst!"

Arthur Fleck (Joaquin Phoenix) lebt mit seiner Mutter, die er hegt und pflegt, in einem kleinen, schäbigen Appartement in den Slums von Gotham City. Fleck leidet an einer psychischen Störung, bei der er immer wieder spontan in unkontrollierbares Gelächter ausbricht. Dadurch wird der als Clown arbeitende Arthur von seiner Umgebung als Freak abgestempelt und nirgends ernst genommen. Dies soll sich mit einer Karriere als Stand-Up Comedian nun endgültig ändern.

Ich guck nie mehr Make-Up Tutorials.
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Sein grösster Traum ist es, in seiner Lieblingstalkshow bei Murray Franklin (Robert De Niro) auftreten zu können, doch dies scheint ein endloser Weg zu sein, gerade weil er von so vielen Unsicherheiten im täglichen Leben geplagt wird. Wie lange lässt er all die schrägen Blicke und Sticheleien, die er wegen seiner Krankheit ertragen muss, über sich ergehen, bevor es ihm zu viel wird?

Mit Joker ist Warner der grosse Coup gelungen: die beste Comic-Verfilmung seit The Dark Knight. Joaquin Phoenix verschwindet in seiner Rolle komplett, dominiert jede einzelne Szene und verleiht Arthur sowohl abscheuliche als auch faszinierende Qualitäten. Die Beziehung zur politischen Landschaft der Trump-Ära ist so ausgeprägt wie die Seitenhiebe auf Bush Jr. in V for Vendetta. Wie V ist dieser Joker nicht nur komplett psychopathisch, sondern steht auch als Symbol für eine Sache, was ihn extrem einflussreich und gefährlich macht. Joker ist unbequem, relevant und bietet eine schauspielerische Meisterleistung.

Todd Philipps (The Hangover) war bis jetzt vor allem für seine derben Komödien bekannt, und so war es eine Überraschung, als er als Regisseur eines Joker-Filmes ernannt wurde, der ganz auf die Psychologie des Batman-Bösewichts fokussiert sein sollte. Doch genau das hat er getan. Mit starken Einflüssen von Martin Scorsese hat der frühere Blödelregisseur ein düsteres Stück Kino geschaffen, über welches man noch lange reden wird.

Mit Joaquin Phoenix wurde nach Heath Ledger ein weiterer Ausnahmeschauspieler in der Rolle von Gothams fiesestem Schurkens gecastet. Phoenix ist in jeder einzelnen Szene zu sehen und seine Leistung ist unglaublich, ja fast schon beängstigend. Seine Interpretation der Figur kommt mit einem grossen Anteil Tragik daher. Arthur Fleck ist ein gebrochener Mann, der am Rande der Gesellschaft steht und einfach nur gesehen werden möchte. Eine tragische Figur, die gerade deshalb so verstört, weil sie eigentlich auf unserer Seite steht. Er ist Michael Douglas in Falling Down, Travis Bickle in Taxi Driver. So kann man Joker vorwerfen, dass er seine Titelfigur als Held feiert und somit seine Taten verherrlicht. Dies wäre jedoch zu einfach, denn der Film handelt genau davon, wie man in solchen Situationen reagiert und hinterfragt, wie wir damit umgehen.

Nicht nur schauspielerisch ist Joker grosse Kunst. Bildsprache, Kostüme und Produktionsdesign wirken klassisch und zeitlos und der finale Look der Titelfigur, den leider schon viele Produktionsbilder vorwegnahmen, ist gleichzeitig beängstigend wie auch beängstigend elegant und cool. Der Score von Komponistin Hildur Guðnadóttir, den sie teilweise bereits vor Fertigstellung des Filmes komponiert hat, gehört zu den emotionalsten und gleichzeitig bombastischsten Scores des Jahres.

Die wenigen Anspielungen auf das Batman-Universum sind gekonnt eingefädelt und lenken nie von der eigentlichen Geschichte ab. Besonders spannend ist die Entmystifizierung von Thomas Wayne, den Fans bis anhin als wohlwollenden Philanthropen wahrgenommen haben. Der Film funktioniert aber auch ganz eigenständig als Psychodrama und Gesellschaftskritik und hat mit Explosionen, Capes und Superkräften rein gar nichts am Hut.

/ ma

Kommentare Total: 7

db

Eine sehr langsam inszenierte Charakterstudie welche nicht nur grossartig bebildert ist, sondern von Joaquin Phoenix auch genau so intensiv wie verstörend gespielt wird. Spannend ist, wie der Charakter, der schon vorbelastet beginnt, Schritt für Schritt in Richtung Abgrund gedrängt wird und dabei viele ihren Beitrag leisten.

Irgendwie erinnert das ganze auch an 13 Reasons Why welche die verschiedenen Gründe untersuchte, weshalb ein Mensch Selbstmord begehen könnte. Joker hinterlässt in dem Bereich einen ähnlich bitteren Nachgeschmack.

Grundsätzlich ist es natürlich fraglich, ob es wirklich eine weitere Joker Origin Story benötigt hat, denn im Grunde genommen wurde diese schon viele Male durchgekäut. Wenn man dann noch selbst sein manisches Lachen mit einer realen Krankheit erklären will, dann stellt sich schon die Frage über Sinn und Zweck der Übung.

Dennoch Joker bleibt absolut sehenswert denn das Gesamtpacket ist eine Wucht welche unter die Haut geht.

oscon

Ich bin Hin und Her gerissen: Zwar ist das Spiel des Arthur Fleck (alias Joker) verkörpernden Joaquin Phoenix gewaltig (und verursacht beim Zuschauen fast physische Schmerzen).
Allerdings ist man von Phoenix solche Schauspielerei gewohnt; sei es im kommerziellen Gladiator, in Signs oder v.a. auch in Her.
Was bleibt ist eine fantastische Darstellung des Psychogramm eines gesellschaftlichen Randständigen mit einem schwerwiegenden körperlichen Leiden.
Die von kalten Farben beherrschte Inszenierung in einer unmenschlichen Stadt wirkt doch stellenweise sehr langatmig.
Und ganz ketzerisch nachgefragt: Hatten wir solch eine ähnliche Darstellung nicht bereits in Black Swan?

vogbea

DER Film, mit dem DEM Schauspieler - wow!!! Oscar Oscar Oscar....

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