Le jeune Ahmed (2019)

Le jeune Ahmed (2019)

  1. ,
  2. 90 Minuten

Filmkritik: All you need is love?

72e Festival de Cannes 2019
"Wäääh, eine Frauenhand."
"Wäääh, eine Frauenhand." © Xenix Films

Der 13-jährige Ahmed (Idir Ben Addi) hat sich in letzter Zeit immer mehr radikalisiert. So weigert sich der Junge seit kurzem, seiner Lehrerin Inés (Myriem Akheddiou), die ihn seit Jahren unterstützt, die Hand zum Abschied zu reichen. Laut Ahmed geht es zudem gar nicht, dass Inés ihren Schülern neue Begriffe aus dem Arabischen lehrt und sich nicht nur an das Vokabular im Koran hält. Zuhause sorgt Ahmeds Verhalten für rote Köpfe. Seine Mutter (Claire Bodson) ist ausser sich, doch Ahmed ist das egal. Sie habe ihm nichts zu sagen, da sie kein Kopftuch trage und zudem auch noch Alkohol konsumiere.

"Oh nein, noch eine Frauenhand. Die sind ja überall."
"Oh nein, noch eine Frauenhand. Die sind ja überall." © Xenix Films

Wirklich verstanden scheint sich Ahmed nur von Imam Youssouf (Othmane Moumen) zu fühlen. Dieser lobt auch immer wieder Ahmeds Cousin, der in Syrien gefallen ist. Eines Tages ist Ahmed dermassen hasserfüllt, dass er eine schlimme Tat plant. Gibt es aber trotzdem noch Hoffnung für Ahmed, oder bleibt er für sein Umfeld völlig unerreichbar?

Die beiden Dardenne-Brüder lassen die Zuschauer 84 Minuten einem Jungen beobachten, der wegen seines Glaubens entscheidet, zum Mörder zu werden. Das ist unangenehm und beklemmend, doch in die Gefühlswelt ihres Protagonisten (mal abgesehen von Hass) lassen die Regisseure nicht hineinblicken. Aus diesem Grund kann Le jeune Ahmed nicht wirklich mit den besten Werken der Belgier mithalten.

Es ist mal wieder keine einfache Figur, der die beiden Dardenne-Brüder hier über die Schulter schauen: einem Jungen, der wegen seines Glaubens eine schlimme Tat plant. Das hört sich definitiv nicht nach Feelgood-Movie an, für die die Belgier ja auch nicht wirklich bekannt sind. Treu geblieben sind sich die beiden bei Le jeune Ahmed auch was den Stil betrifft: In dem soundtracklosen Film beobachten sie vor allem unangenehme Situationen und überlassen die Wertung den Zuschauern.

Ein löst Unbehagen aus, wenn Ahmed ein normales Küchenmesser in hundskommunes Küchenpapier packt, um dann zur Tat zu schreiten. Wieso Ahmed genau so ist, wird nur angedeutet, eindeutige Erklärungen gibt es nicht. Der Junge ist wütend und trotzig, wie man das von Teenagern so kennt - gesteigert hier ins Extreme. Das ist beklemmend, lässt die Zuschauer aber immer auf Distanz, da wir den Burschen nicht wirklich kennenlernen.

Doch Le jeune Ahmed ist nur nicht die Geschichte von Ahmed, sondern auch eine von Menschen, die helfen wollen. Denn der Junge wird nicht zum Teufel geschickt. Bemühungen sind da, ihn auf rechte Pfade zurückzuführen. Diese nimmt man dabei wie Ahmed war. Die Kamera folgt die ganze Zeit dem Jungen, und es gibt in den kurzen 84 Minuten keinen Perspektivenwechsel.

Zwischendurch keimt sogar etwas Hoffnung auf, woran ein junges Mädchen einen grossen Anteil hat. "Love is all you need" scheinen die Dardennes hier zu sagen. So einfach ist das selbstverständlich nicht. So bleibt Le jeune Ahmed bis zum Schluss ein unangenehmer Film, der in seinen besten Momenten richtig spannend ist, aber nicht ganz an die besten Werke der zweifachen Goldene-Palme-Preisträger herankommt.

Christoph Schelb [crs]

Christoph arbeitet seit 2008 für OutNow und leitet die Redaktion seit 2011. Er liebt die Filme von Christopher Nolan, die Festivals in Cannes und Toronto und kann nicht wirklich viel mit Jean-Luc Godard anfangen, was aber wohl auf Gegenseitigkeit beruht. Gewinner des Filmpodium-Filmbuff-Quiz 2019.

  1. Artikel
  2. Profil
  3. E-Mail
  4. Twitter
  5. Letterboxd

Trailer Französisch, mit deutschen Untertitel, 01:32