J'ai perdu mon corps (2019)

J'ai perdu mon corps (2019)

  1. 81 Minuten

Filmkritik: Lieber Arm ab als arm dran

Zurich Film Festival 2019
"HÄND sie es Füür?"
"HÄND sie es Füür?"

Der junge Naoufel (Hakim Faris) weiss nicht so recht, was er in seinem Leben will. Seinen Job als Pizzakurier in Paris beherrscht er nicht und privat gammelt er lediglich vor sich hin. Nach einem Unfall mit seinem Liefertöffli liefert er bei einer Kundin satte vierzig Minuten zu spät. Gabrielle (Victoire Du Bois) heisst sie und unterhält sich über die Freisprechanlage ihres Wohnblocks mit ihm. Am nächsten Tag macht er sich auf die Suche nach ihr und findet sie bei ihrer Arbeit. Die zwei lernen sich kennen, Naoufel lässt sich aber nicht anmerken, dass er der charmante Pizzajunge war. Sie verbringen viel Zeit miteinander und er nimmt sogar eine Stelle als Schreiner in Gabrielles nahem Umfeld an. Als er ihr gesteht, wer er ist, verläuft's nicht so, wie er sich das vorgestellt hat.

Für den Finger reicht das Pflaster...
Für den Finger reicht das Pflaster...

Zeitgleich «erwacht» eine abgetrennte Hand in einem Labor, ebenfalls in Paris. Sie versucht unter allen Umständen, die Einrichtung zu verlassen. Ihr Ziel: Zu ihrem Körper zurückfinden. Dafür erklimmt sie hohe Häuser, kämpft gegen Ratten in der U-Bahn-Station - und beobachtet einen Blinden beim Klavier spielen, denn dies tat sie auch, als sie noch an ihrem Körper hing.

Jérémy Clapin hat mit seinem ersten animierten Langfilm einen einzigartigen Film geschaffen. Zwar ist der Zeichnungs- und Animationsstil etwas gewöhnungsbedürftig, packt aber dennoch und wird von einem wunderschönen Score begleitet. Die abgetrennte Hand kriegt zu wenig Screentime, ist sie doch der visuell interessanteste und witzigste Teil. Im Zentrum steht die Liebesgeschichte, die trotz einem langweiligen Klischee und einer gewissen Vorhersehbarkeit ans Herz geht. Dazu kommt die erfrischende Erzählstruktur, die J'ai perdu mon corps zu einem mehr als sehenswerten Film machen.

Regisseur Jérémy Clapin wagt sich mit J'ai perdu mon corps zum ersten Mal an einen animierten Langfilm, nachdem er sich lange Zeit nur mit Kurzfilmen desselben Genres beschäftigte. Sein Debüt beeindruckte die Jury an der diesjährigen Semaine de la Critique in Cannes so sehr, dass sie ihm den Grand Prix verlieh.

Zuerst sticht direkt der Animationsstil ins Auge. Dieser ist nicht sehr konventionell und vor allem zu Beginn sehr gewöhnungsbedürftig. Wer sich den flüssigen, glatten Ablauf eines Pixar- oder Anime-Films gewohnt ist, wird diesen Stolperstein zu überwinden haben. Der simple, beinahe amateurhafte Zeichnungsstil vermag dann aber doch zu packen und bietet einige schöne Einstellungen, die trotz holpriger Animation toll funktionieren. Unterstützend kommt ein wunderschöner, bewegender Score.

Mit der titelgebenden Hand, die ihren Körper verloren hat, wurden die Filmemacher am kreativsten. Dieser Storystrang sorgt für die besten Lacher und einfallsreichsten Visuals. Allerdings kriegt die Hand zu wenig Screentime und die Liebesgeschichte zwischen Naoufel und Gabrielle steht im Zentrum. Diese ist trotz grenz-stalkerischem Verhalten von Naoufel herzig und berührt. Beide Protagonisten sind sympathisch und lassen uns mitfiebern. Wie die beiden Fäden zusammenhängen, ist ziemlich schnell klar, nimmt dem Film die Spannung aber überhaupt nicht.

Ganz im Gegensatz dazu das langweilige Klischee des Mannes, der einer Frau etwas vormacht und es ihr erst viel zu spät verrät. Diese künstlich konstruierte Spannung zieht schon lange nicht mehr und nervt nur noch. Zwar funktioniert's in diesem Plot grad noch so, unnötig ist's trotzdem. Trotz dieser erzählerischen Mängel ist die nicht-lineare Erzählstruktur erfrischend und hilft, dass J'ai perdu mon corps bis zum Schluss unterhaltsam bleibt.

/ nna