I'll be your mirror (2019)

  1. 91 Minuten

Filmkritik: Der Tragödie beide Teile

Zurich Film Festival 2019
«Wie hält man nochmals die Kamera richtig herum?»
«Wie hält man nochmals die Kamera richtig herum?»

Der Künstlerin Johanna Faust liegt etwas auf der Seele. Sie könnte in Oxford einen Studiengang absolvieren, müsste dazu aber ihre beiden fünfjährigen Kinder in der Schweiz zurücklassen. Auch wenn sie weiss, dass sie gut versorgt wären und sie sich gerne in ihrem Beruf weiterentwickeln möchte, so ist sie doch gerne Mutter und fühlt sich in ihrer Familie wohl. Ausserdem weiss sie nicht, was es in den Kindern auslösen würde, wenn sie ihre Siebensachen packte und wegzöge.

Selfie-Time!
Selfie-Time!

Sie erinnert sich an ihre Mama Margaret, welche in Kinderjahren von ihrer Mutter verlassen wurde. Als die Seniorin, die mit Mann und Bruder in den USA lebt, zu Besuch kommt, spricht sie Johanna auf das Thema an. Mehr noch, sie stochert so stark in der Vergangenheit herum, dass ihre depressive Mutter in Tränen ausbricht. Hätte sie gewusst, schluchzte sie, dass es ihr darum gehe, sie hätte sich wohl nicht auf dieses Gespräch eingelassen. Doch Johanna bleibt unnachgiebig.

Dieser als Roadmovie angelegte Selbstfindungstrip der Schweizer Künstlerin Johanna Faust ist mit seinem kompromisslosen seelischen Exhibitionismus eher abschreckend als einladend. Das Sammelsurium an intimen Einblicken, die Mutter und Tochter hier geben, scheint wie im Rahmen einer Therapie entstanden zu sein, was nun irrtümlich an die Öffentlichkeit gelangt ist. Der Film adressiert vornehmlich die beiden Frauen, nicht aber die Zuschauer.

Bei allem Respekt für den Mut aller Beteiligten, sich vor der Kamera vorbehaltslos seelisch zu entkleiden und äusserst persönliche und hochgradig intime Einblicke in das eigene Leben zu gewähren, erhellend und gewinnbringend ist das für jemanden, der ausserhalb der Familie steht, nicht. Es ist, als sässe man in einer düsteren Zweieinhalbzimmerwohnung bei Kaffee und Kuchen und schaute dabei der Familie zu, wie sie gemeinsam durch leicht verstaubte Fotoalben blättert. Bald erschreckt von der unprätentiösen Offenheit, mit der sie hier ungeniert ihre Vergangenheit entfaltet, kommt man sich voyeuristisch vor und lehnt sich immer weiter zurück. Bald scheint es, als vergässe Faust, dass da noch jemand im Raum sitzt. Lustlos und eintönig spricht sie selbst den Kommentar. Auch hier dreht sich alles um sie; es ist, als höre man ihr bei Selbstgesprächen zu - und fühlt sich erneut fehl am Platz.

Nach und nach verliert man den Zugang zu den Protagonisten und schaut einfach dabei zu, wie sich die Familie selbst therapiert. Hier sieht man Dinge, die man wegen ihrer Belanglosigkeit nicht sehen möchte und womöglich auch nicht sollte, weil es einen schlichtweg nichts angeht. Der Filmemacherin zuliebe wendet man den Blick dann doch nicht ab, auch aus der nicht unbegründeten Furcht heraus, sie mit diesem Desinteresse zu verletzen. Die teils psychedelische Bildersprache, die das auf Heimvideo-Farbtöne gebürstete Material durchzieht, macht die Atmosphäre noch beklemmender und man möchte der düsteren und deprimierenden Stimmung so schnell wie nur möglich entfliehen. Für psychologisches Fachpersonal könnte dieses Dokument durchaus spannende Aspekte beinhalten, für alle anderen sind diese gut 90 Minuten sehr, sehr zähe Kost.

/ arx