L'Île aux oiseaux (2019)

L'Île aux oiseaux (2019)

  1. 60 Minuten

Filmkritik: Die unverhoffte Macht der Schwerelosigkeit

Wenn ich das Operiern von Schwanen seh ...
Wenn ich das Operiern von Schwanen seh ... © Adok Films

Mit Antonin geht es wieder bergauf. Nach seiner schweren Erkrankung droht er aber, «gesellschaftlich vergessen zu gehen». Deswegen haben ihm die Behörden seine erste Arbeitsstelle vermittelt - auf einer Vogelpflegestation. Hier trifft der junge Mann auf die Tierärztin Emilie und ihre Assistentin Sandrine sowie seinen Ausbildner Paul. Dieser steht kurz vor der Pensionierung und sieht Antonin dafür vor, in seine Fussstapfen zu treten. Seine Hauptaufgabe hat es allerdings in sich: Mäuse und Ratten zu züchten, um sie zu töten.

... höre ich dazu am besten Musik von Strawinsky?
... höre ich dazu am besten Musik von Strawinsky? © Adok Films

Das davon gewonnene Mäusefleisch dient nämlich dazu, die vor Ort verarzteten und gepflegten Beutegreifer aufzupäppeln und auf die Rückkehr in ihr natürliches Habitat vorzubereiten. Ja, auf dieser Station kommt nicht nur wenn ein startendes Flugzeug über seine Dächer hinweg donnert, die Fragilität der sonst so anmutig durch die Gegend kreisenden Vögel zum Vorschein. Je länger sich Antonin zwischen den Käfigen bewegt, desto mehr von den gefiederten Patienten entdeckt er in sich selbst.

Irgendwo zwischen Operationsaufnahmen und symbolistischer Art brut sucht dieser Film nicht nur philosophische Gedanken, sondern weitgehend auch sich selbst. Von der bedrückend melancholisch erzählten Rohheit bleiben vorwiegend die spärlich dokumentarisch erschlossenen Einblicke im Gedächtnis haften.

Nicht nur weil das Ganze aussieht wie eine zum Leben erwachte Diashow, kommen einem unweigerlich Erinnerungen an den Bio-Unterricht hoch. Gnadenlos hält die Kamera auf die münzengrossen Wunden des Höckerschwans, als die Tierärztin mit einer Pinzette drin rumstochert, oder auf die entnommenen Eingeweide der Saatkrähe, welche die nämliche Veterinärin abtastet. Man selbst ist dann wieder genau so fasziniert und angeekelt zugleich wie damals im Schulzimmer, wenn man sich der unbekannten Textur eines toten Tieres anzunähern hatte und sich dabei unter leichtem Schnappatem einredete, dass das doch etwas ganz Gewöhnliches sei, «Natur eben».

So wird auch hier im Zeichen der Natur nicht nur mitunter fröhlich drauflos seziert, sondern es werden auch in Rattenbatterien Geschöpfe herangezüchtet, die nach der Mäusemetzgete zu Beutegreiferhäppchen verwurstet werden. Nichts für Zartbesaitete also, sollte man meinen. Aber zumindest wer in seinem Kühlschrank ohne Weiteres eine Pouletbrust aufbewahrt, ist hier mit einer zimperlichen Attitüde fehl am Platz. Übrigens träfe man hier auch auf kein Verständnis dafür. Denn nicht nur scheinen die Protagonisten - zumindest nach aussen hin - abgestumpft (bei Antonin wirkt diese Abgebrühtheit mitunter stark aufgesetzt), sondern wird diese Rohheit durchgehend schwermütig und träge, ultramelancholisch, ja bisweilen weinerlich erzählt, sodass es einem zunehmend schwerfällt, für den Erzähler aufrichtiges Mitgefühl aufzubringen.

Dann tut es gut, mal eine Turmfalkendame jagen oder eine Kohlmeise ihre Brut pflegen zu sehen; auch die kurzen dokumentarischen Einblicke in die Arbeit der Vogelpfleger beeindrucken. Nichtsdestotrotz erhalten ornithologisch Interessierte wenig Futter, die eingesperrten Vögel dienen hier nämlich höchstens als schwerfällige Metapher, um dieser symbolistischen Sinnsuche Fleisch an den Knochen zu liefern.

«Manche Vögel sind so lange hier, dass man vergessen hat, warum sie da sind», ist wohl eine der stärksten Aussagen, die dieser Film trifft. Darauf fragt man sich auch selbst, warum man sich überhaupt diese doch eher anstrengende und etwas abstruse Stunde Film antut. Den Erzähler würde man gerne um Rat ersuchen, doch der ist noch viel zu sehr mit seinen eigenen (gesundheitlichen) Problemen beschäftigt - und vielleicht wünscht er sich ja gerade in den Bio-Unterricht zurück.

Tom von Arx [arx]

Für OutNow schaut Tom seit 2015 Filme und detektiert seit 2019 Stilblüten und Vertipper. Der Profi-Sprecher und überzeugte Hufflepuff lässt sich gerne bei sublim konstruierten Psycho-Thrillern vom metaphysischen Gruseln packen und wünscht sich eine tierleidfreie Welt voller biggest little farms.

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