Honeyland (2019)

Honeyland (2019)

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  2. 87 Minuten

Filmkritik: Goldrausch in Nordmazedonien

Insomnia in Severna Makedonija
Insomnia in Severna Makedonija © Cinejoy Movies

Da kämpft sie sich durch die karge, bergige Landschaft mitten im nordmazedonischen Nirgendwo. Nur ein Feldhase springt aus dem Busch, sonst regt sich nichts. Sie balanciert entlang einer Klippe, zündet ihren Smoker an und bricht den Felsen auf. Mit blossen Händen entnimmt sie der Spalte goldgelbe Waben. Eine nach der anderen. Als gute Imkerin weiss sie: Die Hälfte kann sie mitnehmen, die andere sollte sie den wild um sie herum brummenden Bienen überlassen.

«Möchtest du nicht auch einen Zug?»
«Möchtest du nicht auch einen Zug?» © Cinejoy Movies

Als Hatidze Muratova von der Honigernte zurückkehrt, empfängt sie ihre Mutter. Diese, schwerhörig, halbblind und bettlägerig, bemerkt bald einmal, sie habe noch nicht vor zu sterben. Brot und Wasser seien ja da, und damit habe sie alles, was sie begehre. Doch ohne den Honig, das flüssige Gold der Region, könnte die zweiköpfige Familie Muratova ihren Lebensunterhalt nicht bestreiten. Und wo Gold liegt, heissen die Wegelagerer Neid, Missgunst und Gier. Davor sind die beiden zwar gefeit, jedoch nicht die nomadische Grossfamilie, die bald das nachbarliche Grundstück besiedelt. Das hat auch für Hatidze Konsequenzen.

Diese scheinbare Zeitreise generiert verblüffende Kontraste und analysiert leicht, aber zugleich zielsicher und schonungslos die Psychologie der Rücksichtslosigkeit. Der Honig dient ihr dabei als Bindemittel zwischen entlarvender, griffiger Sozialkritik und einer berührenden Geschichte, die nicht lautstark anklagt, sondern unaufgeregt den Blick auf das Wesentliche lenkt.

Zwei Stunden Flugzeit verbinden die Schweiz mit Nordmazedonien. In diesem Film fühlt es sich allerdings an, als wäre man 150 Jahre in die Vergangenheit gereist. In dieser ländlichen Abgeschiedenheit hat das Regisseur-Duo Ljubomir Stefanov/Tamara Kotevska in seinem Erstlingswerk Bilder und Begebenheiten festgehalten, die einen sofort gefangen nehmen. Fasziniert und berührt schaut man zu, wie Hatidze Muratova ihren Alltag hinter sich bringt - forsch, aber immer mit einem versteckten Lächeln im Gesicht. Tag für Tag mit derselben Kleidung am Leib geht sie ihrem Handwerk nach, dessen Grundsätze man heute am ehesten noch in Seminaren zur regenerativen Landwirtschaft finden würde.

Nur, hinter der scheinbar archaischen Idylle lauert das Menschliche, das Allzumenschliche. Not, Gier und Egoismus führen zum Raubbau an der Natur und an den Lebensgrundlagen derjenigen, die sie intakt hielten. Ressourcen werden geplündert, das Land und die Leute, die es so respektvoll hegen und pflegen - in diesem Fall Hatidze - verwüstet zurückgelassen. Ganz in der Tradition des naturalistischen Dramas werden hier auf kleinstem Raum grosse gesellschaftliche Themen verhandelt. Der Honig dient der Doku dabei gewissermassen als gelb-goldener Faden: Honeyland seziert im Kleinen die Struktur der Goldgräberstimmung, welche die Erdbevölkerung dahin brachte, wo sie heute steht.

Doch dank Hatidze Muratova, die bescheiden, aber rigide Wertschätzung und Respekt vorlebt, finden hier bedrückende und erheiternde Momente unprätentiös nebeneinander Platz. Das Bedrückendste ist wohl, dass mit Hatidzes Tod (und demjenigen ihrer Gleichgesinnten) dereinst auch ihr Wissen und allmählich auch das Verständnis vom selbstverständlich rücksichtsvollen Umgang mit der Umwelt stirbt. Dann dient ihr der Auftritt in diesem Film als bemerkenswertes Testament. Denn in dieser Armut - die schlussendlich keine ist - wird uns vor Augen geführt, welchen Komfort wir mit unserem vordergründig als Wohlstand verkauften Lebensstandard etabliert haben - aber auch, was uns und den Tieren dabei verlorengegangen ist. Und das ist tatsächlich mehr als nur Honig.

Tom von Arx [arx]

Für OutNow schaut Tom seit 2015 Filme und detektiert seit 2019 Stilblüten und Vertipper. Der Profi-Sprecher und überzeugte Hufflepuff lässt sich gerne bei sublim konstruierten Psycho-Thrillern vom metaphysischen Gruseln packen und wünscht sich eine tierleidfreie Welt voller biggest little farms.

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Trailer Originalversion, mit deutschen Untertitel, 02:21