A Hidden Life (2019)

A Hidden Life (2019)

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  3. 173 Minuten

Filmkritik: Alpenbitter

72e Festival de Cannes 2019
Love is green
Love is green © Iris Productions

Österreich im Jahr 1943: Der tiefgläubige Franz Jägerstätter (August Diehl) lebt mit seiner Frau Fani (Valerie Pachner) und drei gemeinsamen kleinen Mädchen ein einfaches Leben auf einem Bauernhof in dem kleinen Bergdorf St. Radegund bei Salzburg. Als der Zweite Weltkrieg beginnt, wird er zur Ausbildung in die Armee eingezogen, darf aber nach einigen Monaten nach Hause zurückkehren, nachdem Frankreich sich den Deutschen ergeben hat und das Kriegsende nahe scheint.

Der Untergang ist nah.
Der Untergang ist nah. © Iris Productions

Doch der Krieg geht weiter, und bald wird er wieder eingezogen. Nun steht er vor einem schweren inneren Konflikt: Alle Soldaten sind nämlich verpflichtet, ihre Loyalität gegenüber Hitler zu schwören. Doch Franz kann dies nicht mit seinem Gewissen in Einklang bringen. Als er sich weigert, wird er inhaftiert. Fani bleibt derweilen mit ihrer Familie zuhause zurück und muss sich dort gegen die Anfeindungen der anderen Dorfbewohner zur Wehr setzen, die ihre Familie als Nestbeschmutzer beschimpfen. Es beginnt eine harte Zeit für die Familie, in der die beiden durch regelmässige Briefe Kraft schöpfen.

Auch in seinem neuesten Film bleibt Terrence Malick seinem ausschweifenden Stil treu und kreiert magische Bilder in wunderschöner Bergkulisse. Klar: Die tragische Geschichte von Franz Jägerstätter hätte man auch in der Hälfte der drei Stunden Laufzeit erzählen können, doch hey, dann wäre es kein Malick. Dass die wahre Geschichte dem Film eine klare Struktur gibt, kommt ihm nur zugute und macht ihn zu seinem besten Film seit The Tree of Life.

Eine ans Herzen gehende Story in den österreichischen Alpen zu Zeiten der Nazizeit und des Zweiten Weltkriegs - dies erinnert ein wenig an The Sound of Music. Einen Film, der das Bild - und ein Stückweit auch das Klischee - der Alpenländer in den Augen vieler Amerikaner nachhaltig prägte. Die Alpenwelt, wie sie uns nun Terrence Malick präsentiert, steht diesem Bild in nichts nach, auch wenn sich A Hidden Life abgesehen davon nur schwerlich mit dem Musical aus dem Jahr 1965 vergleichen lässt. Die Geschichte basiert auf dem Leben von Franz Jägerstätter, der sich während des Zweiten Weltkriegs weigerte, einen Eid auf Adolf Hitler zu schwören und deswegen zuerst inhaftiert und dann schliesslich hingerichtet wurde. Eine traurige, aber gleichzeitig auch eindrückliche Geschichte eines Menschen, für seine Überzeugung einsteht, selbst in Fällen, in denen nur ein symbolischer Akt gefragt wäre.

Malick inszeniert diesen dramatischen Stoff gewohnt bild- und tongewaltig. Wie kaum ein anderer Regisseur hat er es im Griff, in einer einzigen Einstellung bei den Zuschauern dieses beklemmend-schöne Gefühl in der Magengrube auszulösen. Und im Unterschied zu seinen letzten Werken, die sich häufig in der Schönfilmererei verloren und bei denen es ein wenig an Story mangelte, hat er hier einen Handlungsbogen, an den er sich halten kann - auch wenn er diesen auf eine monumentale Dauer von knapp drei Stunden auswälzt und das eher unspektakulär gelegene St. Radegund von Österreich in das Südtirol verlegt hat. Das hat einerseits praktische Gründe, denn das originale St. Radegund ist heute stark überbaut und schwierig als Vierzigerjahre-Drehort neu aufzubauen. Andererseits dürften wohl auch ästhetische Überlegungen eine Rolle gespielt haben - die dramatische Bergkulisse gibt da halt schon ein wenig mehr her für die Kamera. Es sei ihm verziehen, denn die prächtigen Aufnahmen rechtfertigen diese Entscheidung.

Im Unterschied zu den letzten paar Filmen seiner produktiven Alters-Phase, die mit The Tree of Life begonnen hat, verzichtet Malick auf grosse Hollywoodstars und setzt grösstenteils Schauspieler deutscher Muttersprache ein. Ein logischer Entscheid. Etwas befremdlich aber, dass die Dialoge genauso wie die - für Malick typischen - Voice-overs in Englisch gehalten sind. Doch auch in ihrer Nicht-Muttersprache harmonieren die beiden Protagonisten August Diehl und Valerie Pachner hervorragend in der Rolle des liebenden Ehepaars. Daneben treten eine Handvoll weitere bekannte Gesichter des europäischen Kinos auf, darunter auch - in einer Minirolle - Joel Basman und Bruno Ganz, auf den man allerdings geschlagene zwei Stunden wartet. Schön, den kürzlich verstorbenen grossen Schweizer Schauspieler nochmals auf der Leinwand zu sehen, auch wenn es jetzt nicht unbedingt (nochmals!) ein Nazi hätte sein müssen.

Simon Eberhard [ebe]

Aufgewachsen mit Indy, Bond und Bud Spencer, hatte Simon seine cineastische Erleuchtung als Teenager mit «Spiel mir das Lied vom Tod». Heute tingelt er durch Festivals und mag Krawallfilme genauso wie Artsy-Farts. Nur wenn jemand einen Film als «radikal» bezeichnet, rollt er genervt mit den Augen.

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