A Herdade (2019)

A Herdade (2019)

  1. 166 Minuten

Filmkritik: Cowboy-Saga

76. Mostra Internazionale d'Arte Cinematografica 2019
Du rast ja wie Steve McQueen!
Du rast ja wie Steve McQueen!

Portugal, 1946. In einem verlassenen ländlichen Gebiet nahe des Flusses Tejo hängt eine Leiche an eiem Baum. Der kleine João Fernandes (Eduardo Aguilar) wird von seinem Vater (Fernando Rodrigues) aus dem Wagen kommandiert. Er will, dass sich der Junge das Suizidopfer ansieht: seinen Bruder und eigentlichen Erben des riesigen Familiengrundstücks. Sein Vater macht João klar, dass die Zukunft der Familie nun in seinen Händen liegt.

Ich fühl mich wie Kay Corleone.
Ich fühl mich wie Kay Corleone.

1973. João (Albano Jerónimo) ist verheiratet mit Leonor (Sandra Faleiro) und Vater zweier Kinder. Er hat das Familiengeschäft fest unter Kontrolle und strahlt viel Macht aus. Dies muss auch der Regierungsabgeordnete feststellen, der João um die Unterstützung im Kolonialkrieg in Angola bittet. João erklärt ihm unmissverständlich, dass er keinerlei Interesse hat. Erst als die Regierung ihn mit der Verhaftung seines wichtigen Mitarbeiters Leonel (João Vicente) erpresst, lässt er nach und offeriert seinen Support.

1991. Joãos Sohn Miguel (João Pedro Mamede) ist drogenabhängig und sorgt regelmässig für Ärger. Gleichzeitig stellt die Beziehung seiner Tochter Teresa (Beatriz Brás) zum Sohn seines Vorarbeiters Joaquim (Miguel Borges) ein Problem für João dar.

Tiago Guedes' A Herdade ist ein Epos mit Western-Elementen, dessen Geschichte sich über drei Generationen erstreckt. Mit einer Spieldauer von beinahe drei Stunden und einer ruhigen Erzählweise fordert der Film sehr viel Geduld. Leider resultiert aus dramaturgischer Sicht zu wenig, obwohl die Voraussetzungen mit dem politisch brisanten Hintergrund und der generationenübergreifenden Familiengeschichte bestens gewesen wären. Aber Spannung aufzubauen vermag der Film nie wirklich. Die brillante Performance des charismatischen Hauptdarstellers Albano Jerónimo macht dies auch nicht wett.

Es erinnert bereits in der Eröffnungsszene von A Herdade einiges an die klassischen Westernfilme. Eine Panorama-Aufnahme einer weitflächigen Landschaft. Ein Baum. Ein langsamer Kameraschwenk zu einem weiteren Baum, an welchem eine Leiche am Galgen hängt. Joãos Vater trägt ein Hemd und einen Cowboy-Hut. Einen Hut trägt João selbst dreissig Jahre später ebenfalls noch, wenn er in den Stall zu seinem geliebten Pferd geht.

Neben den Western erinnert A Herdade aber auch an einen anderen bestimmten Klassiker. An eine Trilogie, dessen Geschichte sich ebenfalls über mehrere Generationen erstreckt und die prägend für die ganze Filmgeschichte ist. Die Rede ist von der The Godfather-Trilogie. Der erwachsene João, grossartig verkörpert von Albano Jerónimo, könnte tatsächlich der Corleone-Familie entstammen: stilvolle Kleidung, aalglatte Frisur, ernste Mimik. Sein bestimmtes, dominantes Auftreten ähnelt jenem eines Sonny Corleone, ohne dass er jedoch gleich so hitzköpfig ist. In Konversationen wirkt er bedacht und gelassen, eher wie ein Vito oder Michael. Rein äusserlich gleicht Jerónimo hingegen jemand anderem. Der französischen Schauspiellegende Alain Delon ist er wie aus dem Gesicht geschnitten.

Auch die langatmige Erzählweise ähnelt Francis Ford Coppolas Trilogie, hingegen fehlt es A Herdade in dramaturgischer Hinsicht an der Raffinesse und der Spannungserzeugung des grossen Meisterwerks. Dabei wären die Voraussetzungen dafür mit dem politisch brisanten Hintergrund in Portugal gegeben. In den Siebzigerjahren befindet sich Portugal in den letzten Zügen des faschistischen Salazar-Regimes und führt einen Kolonialkrieg in Angola. Es kommt zur Nelkenrevolution, welche die Jahrzehnte lange Diktatur beendet.

Das alles tangiert die wohlhabende Familie hingegen nur am Rande. Im Fokus stehen die Entwicklungen der Familienbeziehungen, welche sich zunehmend verschlimmern. Der egoistische und arrogante João vernachlässigt und ignoriert seine Liebsten. Für die Zuschauer wird dies auf Dauer eher mühsam zu ertragen, und so richtig nahe will es auch nicht gehen, weil die Figuren, insbesondere João, zu verschlossen sind oder zu wenig Tiefe erlangen.

/ gli