Gut gegen Nordwind (2019)

Gut gegen Nordwind (2019)

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  2. 122 Minuten

Filmkritik: Von Mikrowellen-Schokoküssen, Blauwal-Seepocken und weiteren visuell attraktiven Gleichnissen

Leos Sarkasmus bekommt Gegenwind
Leos Sarkasmus bekommt Gegenwind

«Ich möchte bitte mein Abonnement kündigen. Geht das auf diesem Weg?» Ein Buchstabe zu viel und Emma Rothners (Nora Tschirner) E-Mail an den Verlag landet beim Linguisten Leo Leike (Alexander Fehling). So weit, so unspektakulär. Leo ist es sich offensichtlich gewohnt, dass seine E-Mail-Adresse öfters mit der des Like-Magazins verwechselt wird. Eines Tages landet erneut eine E-Mail von Emma in seiner Mailbox - wieder vertippt. Dieses Mal ist das Timing undenkbar schlecht, denn der Sprachwissenschaftler wartet sehnlichst auf eine Antwort seiner On-Off-Freundin Marlene (Claudia Eisinger). Entsprechend sarkastisch fällt denn auch seine Antwort aus. Dabei rechnet er allerdings nicht mit Emmas sehr direkten Art.

Auf der virtuellen Insel
Auf der virtuellen Insel

Auch wenn es zunächst nicht danach aussieht, entwickelt sich zwischen den beiden Unbekannten ein E-Mail-Dialog mit viel Wortwitz und Charme. Die Spielregeln sind klar: Der andere wird nicht gegoogelt und es darf auf keinen Fall zu einem Treffen im realen Leben kommen. Doch als die virtuellen Dialoge immer intimer werden und beide sehnsüchtig auf die Nachricht des anderen warten, wird die Vernunft immer mehr in den Hintergrund gedrängt.

«Gut gegen Nordwind» überzeugt durch die schauspielerische Leistung der beiden Hauptdarsteller und dem pointierten, trockenen Humor der E-Mails. Genau wie die beiden Protagonisten wartet man beim Zuschauen gespannt auf die nächste Nachricht. Leider hat die Geschichte ausserhalb dieser virtuellen Kommunikation wenig Spannendes aufzuweisen und die Nebenfiguren bleiben blass und eindimensional. Besonders zum Schluss hin verliert sich zudem auch der bissige Humor, der viel zur Unterhaltung beiträgt.

Die Verfilmung des gleichnamigen Bestsellers von Daniel Glattauer beweist, dass Worte auch im Film eine grosse emotionale Kraft entwickeln können. Rasch wird man in den Bann des E-Mail-Dialogs hineingezogen und fiebert mit den Figuren mit. Dazu trägt vor allem der Kontrast zwischen diesem virtuellen Dialog und dem Alltag von Emma und Leo bei. Dem unspektakulären und bisweilen sogar spiessigen Leben mit gewöhnlichen Problemen wird der Online-Austausch als willkommene Abwechslung entgegengesetzt. Daher ist es nicht weiter verwunderlich, dass die Nebenfiguren sehr blass und eindimensional erscheinen. Allerdings ist dieser Gegensatz eine grosse Stärke des Films. Die Dialoge, in die beide sehr bald auch ihre Träume, Fantasien und Sehnsüchte hineinprojizieren, werden zu einem Zufluchtsort, den man gerne aufsucht.

Trotz dieses anfänglich unterhaltsamen Austauschs lassen sich im Laufe des Films leider immer mehr Längen ausmachen. Der Erzählton verändert sich und damit auch die Stimmung. Der ironische, trockene Humor tritt immer mehr in den Hintergrund. Stattdessen werden die Gespräche zwischen Leo und Emma immer analytischer und tiefgründiger. Die immer stärker werdende Anziehungskraft zwischen den beiden erzeugt zudem ein Gefühlschaos und übeführt das Geschehen in eine Zwickmühle. Der Film findet keinen Weg aus ihr hinaus und verliert dadurch seine anfängliche Leichtigkeit. Ausserdem wirken die Figuren mit ihrer kühlen, nüchternen Art vor allem in den Alltags-Sequenzen immer distanzierter und lassen sich schwieriger fassen.

Eigentlich ist diese distanzierte und rationale Art Emmas und Leos ein grosser Pluspunkt für die Geschichte. Denn dadurch kommt die Ironie im verbalen Schlagabtausch zu Beginn sehr gut zur Geltung. Zudem bewahrt sie den Film an mancher Stelle davor, in romantisch-kitschige Sphären abzudriften. Es mag dadurch etwas mehr Zeit brauchen, bis man den Zugang zu den Figuren findet. Doch es gelingt, Empathie aufzubauen, wenn man sich auf ihre eigenwilligen Charaktere einlässt und mit ihnen zusammen die «virtuelle Insel» betritt. «Gut gegen Nordwind» erfindet das Genre der romantischen Komödie nicht gerade neu. Trotzdem bietet er durch die weitgehend starken Dialoge solide Unterhaltung.

/ sul

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