The Goldfinch (2019)

The Goldfinch (2019)

Der Distelfink
  1. 149 Minuten

Filmkritik: Kann einem gestohlen bleiben

44th Toronto International Film Festival
"I've got a thing. It's called 'Radar Love'."
"I've got a thing. It's called 'Radar Love'."

Der 13-jährige Theodore Decker (Oakes Fegley) besucht mit seiner Mutter Audrey (Hailey Wist) gerade eine Ausstellung im Metropolitan Museum in Manhattan, als Terroristen eine Bombe zünden. Theos Mutter stirbt bei dem Anschlag, er selbst entkommt den Trümmern lebend und nimmt in dem Chaos heimlich ein berühmtes Gemälde mit: den Distelfink des holländischen Malers Fabritius. Theodore wird wenig später von den reichen Eltern seines Schulfreundes Andy (Ryan Foust) aufgenommen. Vor allem Mutter Barbour (Nicole Kidman) kümmert sich fürsorglich um den Jungen und wäre sogar bereit ihn zu adoptieren.

"Den nehmen wir."
"Den nehmen wir."

Doch dann taucht eines Tages Theodores lange verschwundener Vater Larry (Luke Wilson) wie aus dem Nichts mit seiner neuen Freundin Xandra (Sarah Paulson) auf und beschliesst den Jungen zu sich in die Umgebung von Las Vegas mitzunehmen. Jahre später arbeitet Theodore für den Antiquitätenhändler Hobie (Jeffrey Wright) und denkt immer noch nicht daran, den Distelfink zurückzubringen - etwas, dass ihn noch in grosse Schwierigkeiten bringen wird.

Die Bestseller-Verfilmung The Goldfinch scheitert an den üblichen Problemen einer solchen Umsetzung: Zu viel Story wollte das Team um Regisseur John Crowley (Brooklyn) in einen Film quetschen und vergass dabei, dass die Emotionen doch auch hätten Teil des Ganzen werden sollten. So bleibt die Leinwandadaption recht oberflächlich und mit 152 Minuten auch viel zu lang.

Etwa in der Mitte von John Crowleys Verfilmung von Donna Tartts mit dem Pulitzer-Preis in Belletristik ausgezeichneten Romans "The Goldfinch" liefert der Streifen eine wunderschöne Steilvorlage für die Kritiker der Welt. Als Protagonist Theo seine Verlobte beim Fremdknutschen erwischt hat, beschliessen sie, dass sie ihre Beziehung mit dem Grundsatz "mit dem Kopf und nicht mit dem Herzen" weiterführen wollen. Dann wollen wir diese Vorlage mal verwerten: Mit der Leinwandadaption The Goldfinch verhält es sich da ähnlich. Statt zu berühren, ist es vor allem ein kompetent gemachter, von Roger Deakins wie üblich hübsch gefilmter Streifen, den man toll finden, aber nur schwer lieben kann.

The Goldfinch ist eine Erzählung über Schuld und Verlust. Doch zu spüren ist das zu selten. Für das bleibt die Hauptfigur den Zuschauern gegenüber zu weit weg und darstellerisch können dies Oakes Fegley und Ansel Elgort - Letzterer spielt den erwachsenen Theo - nicht ausgleichen. Es hilft zudem nicht, dass die Erzählung ständig zwischen zwei Zeiten hin- und herspringt. Hatten die Macher Angst, dass die Leute aus dem Kino laufen, wenn sie Ansel Elgort bei der Pause noch nicht gesehen haben? So entsteht dann auch nicht wirklich ein Erzählfluss. Wird es dann mal etwas interessant, machen etwas gar viele Zufälle die Glaubwürdigkeit des Ganzen zunichte.

Bei den Darstellern gibt es jedoch einige Überraschungen. Sarah Poulsen als Witwen-Mami Xandra (das "X" ist kein Tippfehler), Nicole Kidman als Ersatzmami, Luke Wilson als Arschloch-Papi und der wie immer zuverlässige Jeffrey Wright als gute Seele, der dem Jungen scheinbar als einer der wenigen helfen will, überzeugen alle. An ihnen liegt es nicht, dass The Goldfinch sein Potential nicht nutzen kann.

Denn The Goldfinch ist vor allen ein Film, der eine zu grosse Story erzählen will und typisch für Buchverfilmungen auch mal auf Voice-Over zurückgreift, um die Gedankengänge Theos zu präsentieren. Doch greifbar wird Theo dadurch nicht. Das Ganze bleibt an der Oberfläche hängen, obwohl der Zuschauer aufgrund des "armen kleinen Jungen" doch eigentlich zu ihm durchdringen möchte. Schade, dass man sich mal wieder zu sklavisch an die Vorlage gehalten hat und so versuchte, alles in einen 152-Minuten-Film zu quetschen, ohne einzuplanen, dass das Ganze doch eigentlich ein Herz benötigen würde. Um zurück zum Sport zu kommen: Steilvorlage verwertet, der Film hat somit verloren.

/ crs