Der Goldene Handschuh (2019)

Der Goldene Handschuh (2019)

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  3. 115 Minuten

Filmkritik: Kippen, Korn und Kiez

69. Internationale Filmfestspiele Berlin 2019
Hat Leichen im Keller: Honka
Hat Leichen im Keller: Honka

Hamburg in den Siebzigerjahren. "Zum Goldenen Handschuh" ist die Stammkneipe von Fritz Honka (Jonas Dassler). Er hat soeben seine erste Leiche zerstückelt und hält am Tresen nach neuen Opfern Ausschau. Durch sein entstelltes Gesicht wirkt der Gelegenheitsarbeiter auf viele Frauen abschreckend. Deshalb nimmt er Obdachlose und ehemalige Prostituierte mit nach Hause, um sie in seiner Mansardenwohnung sexuell zu erniedrigen und anschliessend zu ermorden.

Wer ist als Nächstes dran?
Wer ist als Nächstes dran?

Seine Saufkumpanen ahnen von all dem nichts. Für sie ist Honka nur der "Fiete", mit dem sie Bier und Korn saufen können. Auch die Opfer vermisst niemand, leben sie doch alle am Rande der Gesellschaft. Und selbst der Leichengeruch, der aus Honkas Wohnung dringt und den Nachbarn Übelkeit bereitet, scheint den Serienmörder nicht zu entlarven...

Der Goldene Handschuh erzählt die wahre Geschichte des Serienmörders Fritz Honka, der in den Siebzigerjahren vier Frauen ermordete und deren Leichenteile in seiner Wohnung versteckte. Entstanden ist ein verstörender Mix aus Milieustudie und Horrorfilm, bei dem sich die Frage stellt, warum Fatih Akin diese True-Crime-Story ausgerechnet in dieser Form erzählt.

Der Film basiert auf dem gleichnamigen Bestseller von Heinz Strunk, lässt aber einige Nebenstränge und -figuren des Buches weg. Stattdessen fokussiert Der Goldene Handschuh auf die Hauptfigur Honka, die immer wieder in der titelgebenden Kneipe abstürzt und dort nach neuen Opfern Ausschau hält. Die Kneipenkultur auf dem Kiez, die verlorenen und gescheiterten Seelen, die rauen Dialoge - das alles wirkt in Der Goldene Handschuh so authentisch, dass es unterhaltsam und unerträglich zugleich ist. Zu verdanken ist dies auch der hervorragenden Ausstattung und Maske des Films.

Vor allem die Wandlung des Hauptdarstellers Jonas Dassler (Das schweigende Klassenzimmer) ist kaum zu glauben. Verborgen hinter Make-up, gebückter Haltung und Leipziger Dialekt ist der junge Schauspieler nicht wiederzuerkennen. Sein Honka ruft bewusst Erinnerungen an den Glöckner von Notre Dame wach. Wer jedoch einen tiefen Einblick in die Biografie des Serienmörders erwartet, wird enttäuscht. Honkas Vergangenheit wird lediglich grob angerissen. Ähnlich verhält es sich mit den Geschichten seiner Opfer. Wo sie herkommen und wie die Frauen in dieser trostlosen Szene gelandet sind, das erfahren die Zuschauer kaum.

Akin ist viel mehr darauf bedacht, Unbehagen in den Zuschauern auszulösen. Statt auf Splattereffekte und Ekelszenen setzt der Regisseur dabei auf die Vorstellungskraft der Zuschauer. Fast kann man den Leichengeruch im Kino riechen, wenn Fritz Honka mal wieder ein paar Körperteile im Verschlag versteckt. Da helfen auch die vielen Duftbäumchen nichts, die er hinterherwirft. Obwohl es durchaus grafische Szenen gibt, die schwer mitanzusehen sind, hält Akin bei den Gewalt- oder Sexszenen selten direkt mit der Kamera auf das Geschehen. Stattdessen nutzt er Geräusche und Soundeffekte, um die Zuschauer zu ekeln.

Hinzu kommt ein Soundtrack, der mit Siebzigerjahre-Schlagern Stimmung macht und einen unterhaltsamen Kontrast zu der krassen Handlung bietet. Der Goldene Handschuh ist ein Horrofilm mit schwarzem Humor, kein Sozialdrama. Ob dies der richtige Ansatz ist, um die Geschichte Honkas und seiner Opfer zu erzählen, sei dahingestellt.

11.02.2019 / swo