Gloria Mundi (2019)

Gloria Mundi (2019)

Filmkritik: Arm mit gebrochenem Arm

76. Mostra Internazionale d'Arte Cinematografica 2019
Gloria ist da
Gloria ist da

Mathilda (Anaïs Demoustier) und Nico (Robinson Stévenin) sollten eigentlich glücklich sein. Ihre Tochter Gloria wurde soeben geboren und ist gesund und ohne Komplikationen auf die Welt gekommen. Das Umfeld, in welchem Gloria aufwachsen soll, ist alles andere als unkompliziert. Mathildas Vater ist soeben aus dem Gefängnis entlassen worden und möchte seine neue Enkelin kennenlernen. Damit tritt er aber auch wieder ins Leben seiner Ex, die nach seiner Inhaftierung ein neues Leben mit Richard (Jean-Pierre Darroussin) begann, der ihr eine weitere Tochter schenkte.

Verdutzte Blicke sind ansteckend
Verdutzte Blicke sind ansteckend

Als Glorias Vater bei einem brutalen Angriff der Arm gebrochen wird, kann er seinen Job als Uber-Chauffeur nicht mehr ausführen und das Geld wird knapp. Mathilda hat auch nicht gerade einen guten Job in einem Kleidergeschäft. So fragt sie ihre Halbschwester und ihren Mann um Hilfe, die in einem heruntergekommenen Viertel ein An- und Verkaufsgeschäft besitzen, von dem sie eine zweite Filiale eröffnen möchten.

Gloria Mundi nimmt sich der Themen Leben an der Armutsgrenze, Perspektivlosigkeit und Reintegration nach Absitzen einer Haftstrafe an. Leider bevölkert Regisseur und Co-Autor Robert Guédiguian seine Geschichte mit unsympathischen und stumpfsinnig agierenden Figuren. So leidet man also höchstens mit dem unschuldigen Baby Gloria mit, das in diese Familie hereingeboren wurde. Dies mag zwar die Intention der Macher gewesen sein, doch da sich Gloria selbst nicht äussern kann, ist der Zuschauer dazu gezwungen, die Zeit mit den anderen Charakteren zu verbringen, was gewaltig auf die Nerven geht.

Gloria Mundi ist ein mühsamer Film. Nicht wegen seiner Story, sondern wegen seiner Figuren. In der Familie, die im Zentrum der Handlung steht, machen alle irgendwann im Verlaufe des Filmes etwas unvorstellbar Blödes. Dadurch ist es enorm schwierig, eine Identifikationsfigur zu finden oder gar jemanden, dem oder der man gerne zuschaut. Hinzu kommt ein unglaublich langsames Erzähltempo bei einer Story, die nie in die Gänge kommt.

Es ist aber nicht alles schlecht bei diesem in Marseille spielenden Familiendrama. Die Fragen, die der Film stellt, sind berechtigt, denn die Armut kann alle treffen. Wieso aber spielt keine einzige Szene in einer Bank oder auf einer Behörde? Keine der Figuren nimmt einen Kredit auf, oder erkundigt sich auf einem Büro nach ihren Optionen.

Darstellerisch wird von allen Seiten eine gute Leistung erbracht, doch rein optisch ist Sonntagabend-TV-Film Niveau angesagt. In einer Szene gegen Schluss wird eine Art Ruckelzeitlupe derart dilettantisch eingesetzt, dass es eine wahre Freude ist. In den nachdenklichen Momenten, in denen Ex-Knacki Daniel seine Haikus rezitiert und nicht mit der neu gefundenen Freiheit zurechtkommt, findet der Film eine Art ruhenden Pol. Die vielen parallel laufenden Geschichten kämpfen immer wieder um die Aufmerksamkeit, und am Ende kann sich keine so ganz durchsetzen. Mitnehmen tut man bei Gloria Mundi zumindest die Frage "Was würde ich in einer solchen Situation tun". Na hoffentlich etwas anderes als die Figuren in diesem Film.

/ ma