Die fruchtbaren Jahre sind vorbei (2019)

Die fruchtbaren Jahre sind vorbei (2019)

  1. 90 Minuten

Filmkritik: Baby Mamas

Locarno 2019
Ist Alkohol eine Lösung?
Ist Alkohol eine Lösung? © cineworx

Drei Frauen - drei Nachwuchs-Szenarien. Leila (Michèle Rohrbach) will ein Kind. Amanda (Sarah Hostettler) braucht kein Kind. Sophie (Anne Haug) hat ein Kind. Alle drei kennen sich schon länger, sind Schwestern oder ewig befreundet. Aber aus Sicht von Leila tüpft es halt immer die falschen. Sie, die bald 35 wird, hört die biologische Uhr schon ziemlich laut bimmeln. Der längjährige Freund ist weg und auf dem freien Dating-Markt gehört sie zum alten Eisen, das schon so abgekühlt ist, dass sich auch die Männer, die wollen, die Finger nicht mehr daran verbrennen können.

Der "3-Sekunden-Blick" wirkt.
Der "3-Sekunden-Blick" wirkt. © cineworx

Lailas Schwester Amdanda hingegen steht kurz vor der Niederkunft. Dabei passen Windel und Schoppen nicht unbedingt in den Karriereplan der ehrgeizigen Architektin. Sophie, die dritte im Bunde, ist alleinerziehend und merkt erst viel zu spät, dass sie sich den Lehrer ihre Tochter (Janelle Berdioui) angelacht hat, nachdem ihr Ex-Mann sich überraschend für einen Job in New York entschieden hat.

Deville-Late-Night Autorin Natascha Beller glückt mit ihrem Indie-Projekt eine kommerziell verhebende Variante der Chick-Flick-Fassung zum Thema tickender Bio-Wecker. Komödiantische Talente vor und hinter der Kamera loten das teils auch tragische Thema der Frauen mit unterschiedlich ausgeprägtem Kinderwunsch mit Witz und Schmiss aus. Da kommt niemand auf die Welt - ausser vielleicht die Schweizer Fördergremien, deren Schatullen hierfür zu Projektbeginn geschlossen blieben.

Da soll noch einer sagen, die Schweizer können nicht lustig sein. Seit mittlerweile acht Staffeln strahlt Deville Late Night halb-live aus dem Zürcher Club Mascotte in die Schweizer Stuben. Eine Late-Night-Show, welche die Bezeichnung verdient hat: Gesellschaftskritische Einspieler. Glatte Sidekicks. Indie-Bands zum Ausklang. Und ein Opening Monologue, der nur noch besser werden könnte, hätte Gastgeber Dominic Deville nicht so eine krächzende Stimme. Clips aus dem Dunstkreis der Show gingen auch schon viral (Switzerland First!)

Aus dem Writer Room der besagten Show stammt auch Natascha Beller. Als einzige Frau unter Gags brünzelnden Männern muss sie sie sich territorial wohl immer wieder behaupten. Und nimmt sich vielleicht deshalb in ihrem Regiedebüt frauliche Themen vor: "Bimmelnde Bio-Uhr", "Kind&Karriere", und "Single Mom" sind die Problemzonen ihrer Protagonistinnen um die 35. Das kennt man auch aus TV-Movies von Sat.1 bis ARD. Aber in Mundart und von der Zürcher Langstrasse kommt das gleich erquicklicher daher.

Michèle Rohrbach ist eine komödiantische Wucht und sich nicht zu schade für rüdig-nackten Klamauk. Sarah Hostettler und Anne Haug sind frische Faces, denen man ebenfalls gerne zuschaut. Auch die Männer machen mit bei der Komik, der ein wahrer Kern innewohnt. Die Kritik an Phänomenen wie Tinder und Torschlusspanik ist aus dem Leben gegriffen und macht die Charaktere zu tragisch-komischen Figuren, mit denen man lacht, statt über sie. Wie sich das bei einer Komödie mit Tiefgang gehört. Das haben wohl auch die vielen Gaststars begriffen (von Dani Fohrler bis Samuel Streiff), die im Gegensatz zu den CH-Filmfördergremien an Bellers Projekt glaubten. Denn finanzielle Unterstützung gab's keine, dafür viele Cameos aus dem Kollegenkreis.

Zumindest auf die Piazza Grande in Locarno hat es Die fruchtbaren Jahre sind vorbei aber trotzdem geschafft. Ins Crazy-Midnight-Programm, wo die Comedy, in der Spaghetti-Western zitiert, Morgenradio-Moderatoren die Figuren direkt ansprechen und Quitschgelbe Bibeli-Kostüme kopflos durchs Grüne stampfen, auch bestens hinpasst. Regisseurin Beller ist vielleicht sogar die Schweizer Antwort auf Tina Fey. Die Saturday-Night-Live-Veteranin startete auch als Comedy-Autorin in einem Writers Room und macht mittlerweile Chick-Flicks, die auch Männer schauen können.

Roland Meier [rm]

Roland sammelt 3D-Blu-rays, weil da die Publikationen überschaubar stagnieren, und kämpft im Gegenzug des Öfteren mit der Grenze der Speicherkapazität für Aufnahmen bei Swisscom TV. 1200 Stunden Film und Fernsehen ständig griffbereit sind ihm einfach nicht genug.

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Kommentare Total: 3

th

fehlt also nur noch die schweizer amy poehler...

ebe

Michèle Rohrbach ist eine komödiantische Wucht und sich nicht zu schade für rüdig-nackten Klamauk

Kann ich so nur unterschreiben. Wenn Natascha Beller die Schweizer Antwort auf Tina Fey ist, ist Michèle Rohrbach die Schweizer Antwort auf Kristen Wiig.

rm

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Der Film wird Openair aufgeführt, das nächste Mal am 17. August 2020.

Trailer Schweizerdeutsch, 01:58