La fille au bracelet (2019)

La fille au bracelet (2019)

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  2. 96 Minuten

Filmkritik: Jugendsünden

Wer hinter einer Plexiglasscheibe steht ...
Wer hinter einer Plexiglasscheibe steht ... © Praesens Film

Nein, sie wolle nicht mit ihm Fussball spielen, die Fussfessel störe sie zu stark dabei, sagt Lise Bataille (Melissa Guers), als ihr kleiner Bruder sie um Gesellschaft bittet. Es ist nun zwei Jahre her, seitdem sie während eines unbeschwerten Familiennachmittags am Strand verhaftet worden ist. Nun steht ihr Prozess an. Ihr Bruder fragt sie: «Krieg ich dein Zimmer, wenn du in Haft gehst?» - «Mir egal», erwidert sie. Sie hat nun andere Sorgen, denn die Anklage lautet: Mord an ihrer besten Freundin.

«Das nächste Mal baue ich eine stabilere Sandburg.»
«Das nächste Mal baue ich eine stabilere Sandburg.» © Praesens Film

Ihr Vater (Roschdy Zem) fährt sie zum Gericht. Wie ein Coach vor dem kapitalen Spiel beschwört er: «Du bist bereit.» Auf die Unterstützung ihrer Eltern kann sie schon mal zählen und die hat sie auch bitter nötig. Denn vor Gericht erwartet sie nicht nur eine scharfsinnige Staatsanwältin (Anaïs Demoustier), sondern auch eine Fülle an Beweismaterial, die sie und ihre Familie aus der Reserve locken soll.

Dieser gut erzählte Gerichtsfilm steht ab der ersten Szene unter Spannung - und hält sie (trotz ein, zwei verschmerzbaren Absackern) bis zum Schluss. Ein durchs Band gut besetztes und entfesselt aufspielendes Ensemble sorgt dafür, dass wir atemlos die Begebenheiten im Gerichtssaal verfolgen, die sich schlussendlich um mehr drehen als die blosse Tätersuche.

Goethe, Hoffmann, Kafka - hier wird einmal mehr klar, warum viele grosse Schriftsteller Juristen waren (Überblick gefällig?). Unter anderem geht es vor Gericht darum, eine Geschichte aus einem immer neuen Blickwinkel erzählt zu bekommen, Rollen zu entlarven, Zusammenhänge herzustellen und die Fantasie anzuregen. All das geschieht hier.

Auch wenn in diesem Fall die Vorgänge in der Familie beleuchtet werden, befinden wir uns hauptsächlich im Gerichtssaal - die Geschichte allerdings spielt sich vorwiegend in unseren Köpfen ab. Es werden Erinnerungslücken vorgegaukelt (oder etwa nicht?), Details ausgelassen und all dem voran wird die Luft mit abrupten Tempowechseln und dem bisweilen «ohrenbetäubendem Schweigen» der Angeklagten zum Flirren gebracht: Hier herrscht von Anfang bis Ende Hochspannung!

Dass das Ganze so gut, leicht und mit einer nervenkitzelnden Atemlosigkeit erzählt ist, sorgt zwar dafür, dass wir ganz nah an der Geschichte bleiben, andererseits stören die wenigen Kapriolen, die das minutiös zusammengefügte Konstrukt schlägt, den Erzählfluss umso empfindlicher. Doch man verzeiht es ihm schnell, nicht zuletzt deswegen, weil diese Holperer ein toll gecastetes Ensemble mühelos ausbügelt. Dazu kommt, dass einem wie nebenbei nicht nur menschliche Makel vor Augen geführt werden - Stichwort «Unschuldsvermutung» -, sondern es werden auch Tabu- und Schamgrenzen durchbrochen.

In aller unprätentiösen Direktheit geht es im Gerichtssaal ans Eingemachte. Ausserdem - auch hier sind wir wieder ganz nahe an den grossen Literaten - ist der Fall in La fille au bracelet selbstreflexiv angelegt. Es geht um mehr als nur diesen Fall, denn, so stellen wir schlussendlich fest, ist jeder Fall auch immer ein Fall über den Fall. Vielleicht lässt sich gerade deswegen so viel damit erzählen.

Tom von Arx [arx]

Für OutNow schaut Tom seit 2015 Filme und detektiert seit 2019 Stilblüten und Vertipper. Der Profi-Sprecher und überzeugte Hufflepuff lässt sich gerne bei sublim konstruierten Psycho-Thrillern vom metaphysischen Gruseln packen und wünscht sich eine tierleidfreie Welt voller biggest little farms.

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Trailer Englisch, mit deutschen Untertitel, 01:47