Fiancées (2019)

Fiancées (2019)

  1. 80 Minuten

Filmkritik: Verliebt? Verlobt. Verheiratet!

FIANCÉES begleitet drei Frauen, die sich in Kairo auf ihre Hochzeit vorbereiten: Eine Schauspielerin, die eine eigene Wohnung zu finden hofft, um so endlich den wachsamen Augen ihrer Familie zu entkommen. Eine Christin aus privilegierten Kreisen, die sich auf den Sex nach der Hochzeit freut, aber unbedingt verhüten will. Eine vom traditionellen Islam geprägte Muslimin, die auf Gleichberechtigung pocht. Im Schicksal der Frauen spiegeln sich die Spannungen der ägyptischen Gesellschaft und ihrer Jugend, die zwischen Tradition und Freiheitsdrang hin- und hergerissen ist.

Egal wie spannend man das Thema einer Dokumentation findet, schlussendlich steht und fällt eine solche Produktion mit ihren Figuren. Julia Bünter hatte hier ein besonders glückliches Händchen - wohl nicht zuletzt deswegen, weil sie Kairo gut kennt. Die junge Genferin zog für Fiancées in die Grossstadt am Nil und verliebte sich in die 20-Millionen-Metropole. Diese Affinität zu den Menschen und ihrer Kultur merkt man ihrem Werk jede Minute an, wodurch der Film nie so wirkt, als wäre er von einer Aussenseiterin gedreht worden.

Mit Batool, Marize und Randa stehen drei spannende Frauen im Mittelpunkt von Fiancées, obwohl die grossen Entscheidungen in vielen Fällen noch die Männer - oder besser gesagt die Väter - treffen. Die feministische Sichtweise prägt den Film aber so, dass die Männerfiguren zwar nicht ausgeklammert werden, aber Beigemüse bleiben. Gekonnt fängt die Regisseurin nicht nur die Geschichten der Protagonistinnen ein, sondern vermittelt mit ihrem Film auch ein spannendes Bild einer Grossstadt, in der Dichtestress und Gentrifizierung (wie überall) immer mehr an Bedeutung gewinnen.

Alle drei porträtierten Frauen haben eine tolle Persönlichkeit. Besonders bewundernswert und ans Herz geht die Stärke der konservativ als Muslima erzogenen Randa. Mit viel Humor und geht sie ihrer Geschichte nach, was bestimmt genug Material für einen eigenen Film hätte generieren können. Dies war aber offensichtlich nicht das Ziel, da gerade die Kontraste zwischen den drei Figuren aus den verschiedensten Hintergründen mindestens so spanend sind wie ihre Gemeinsamkeiten.

Obwohl der Film gerade mit der Lebensfreude von Randa oder dem Hochzeitstanz von Marize viele Momente der Fröhlichkeit und Hoffnung zeigt, bibbert man als Zuschauer auch immer etwas mit den Frauen mit. Denn diese Menschen wurden von der Gesellschaft zur Hochzeit getrieben, da sie sich nur in der Ehe vom Familienhaus lösen können. Bei dieser Mischung aus Liebes- und Zweckheirat wäre es spannend zu wissen, wie es den Figuren in zehn Jahren geht. Vielleicht beschenkt uns Büntner ja mit einem Sequel.

Marco Albini [ma]

2003 verfasste Marco seine erste Kritik auf OutNow und ist heute vor allem als Co-Moderator des OutCast tätig. Der leidenschaftliche «Star Wars»-Fan aus Basel gräbt gerne obskure Genrefilme aus, aber Komödien sind ihm ein Gräuel.

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