The Farewell (2019/I)

The Farewell (2019/I)

  1. ,
  2. 100 Minuten

Filmkritik: A Beautiful Lie

Zurich Film Festival 2019
My Fam
My Fam

Billi Wang (Awkwafina) ist 30, erfolglos und chronisch pleite. Die New Yorker Autorin hat gerade erst eine Ablehnung für ein Stipendium erhalten. Bei einem Besuch bei ihren Eltern Haiyan (Tzi Ma) und Jian (Diana Lin) erfährt sie, dass ihre Grossmutter Nai Nai (Zhao Shuzhen) an Lungenkrebs im Endstadium erkrankt ist. In alter chinesischer Tradition beschliesst die gesamte Familie Wang, der Grossmutter in China nichts von ihrer Krankheit zu sagen. Billi, die in Amerika aufgewachsen ist und eine besondere Beziehung zu ihrer Nai Nai hat, kann es nicht fassen.

Tearjerker
Tearjerker

Als Vorwand um die gesamte Familie zur Grosi nach Changchun zu fliegen, soll Billis Cousin Hao Hao (Chen Han) seine japanische Freundin heiraten, die er erst seit drei Monaten kennt. Weil niemand es Billi zutraut, ihre geliebte Nai Nai anzulügen, fliegen ihre Eltern ohne sie nach China. Umso überraschter ist die Familie Wang, als Billi doch plötzlich im Wohnzimmer ihrer Grossmutter steht. Bis zur Hochzeit gibt es noch jede Menge Vorbereitungen und Möglichkeiten zu Streitereien mit lange verschollenen Verwandten.

The Farewell ist eine persönliche Geschichte. Nicht nur weil die Regisseurin sie so erlebt hat, sondern weil das Drehbuch so geschrieben ist, dass sich jeder darin wiederfinden kann. Die grosszügige, liebe- und verständnisvolle Grossmutter ist hier eindrucksvoll dargestellt. Aber die Beziehung zwischen Billie und ihrer Nai Nai hat noch Luft nach oben. Es ist aus filmischer Sicht ein sehr limitierter Film, der in der Darstellung von Familienchaos nur mitschwimmt. Doch das Herz hat er am rechten Fleck.

Regisseurin Lulu Wang zeigte sich überrascht davon, dass ihr Film in den USA von einem breiten Publikum so gut aufgenommen wurde. Dabei ist ihre persönliche Geschichte über eine chinesische Auswandererfamilie so universell wie das Medium Film selbst. Am Ende ist es die Beziehung zwischen einer Grossmutter und ihrer Enkelin, mit der sich fast jeder identifizieren kann.

The Farewell ist ein amerikanischer Sundance-Film in all seiner Konsequenz. Die Sprache mag eine andere sein und der Schauplatz zum Grossteil in China liegen, aber Wangs Film passt perfekt zum amerikanischen Filmfestival in Utah. Es sind einfachste filmische Mittel, mit denen hier das Konzept der Familie erforscht wird. Jede Figur hat ihre kleine Macke und Gefühle werden schnell herausgesprochen. Der Schwerpunkt liegt auf den Dialogen, und wenn die einen noch nicht komplett emotional mitreissen, dann hilft die Musik ganz bestimmt nach. Es gibt diese grossen Momente, bei denen man im Kinosaal ein lautes Schluchzen hinter sich vernehmen kann - falls man es nicht selbst von sich gibt.

Die Lüge über die Krankheit der Grossmutter sorgt bei Billi für ein stilles Leiden. Es staut sich eher langsam auf bis zum Finale. In den typischen Familienkonflikten, die unausweichlich sind, wenn man zu viel Zeit miteinander verbringt, hält Billi sich heraus. Ein Streitthema in der Familie Wang ist natürlich Amerika. Es ist ein omnipräsentes Thema im Film, selbst der Hotelportier fragt nach den Unterschieden zwischen China und den Vereinigten Staaten. Als Auswanderer hat man natürlich einen anderen Blick auf seine alte Heimat. Vor allem sehen die Besucher ein China im Wandel. Überall in der Stadt wird gebaut. Neben neuen Wohnblöcken entstehen Hochhäuser, und das Viertel, in dem Billi aufgewachsen ist, existiert schon lange nicht mehr. Immer wieder gibt es kleine Hinweise auf das alte China - Senioren, die Anekdoten vom Krieg erzählen oder ein Hinterzimmer voller Spieler.

The Farewell hat seine Höhepunkte in diesen kleinen Momenten. In einer Szene besucht die gesamte Familie den verstorbenen Grossvater auf dem Friedhof. Mit vielen frischen Opfergaben und zahlreichen Verbeugungen scheint die Situation schnell ins Komödiantische zu kippen. Doch weil niemand hinsieht ausser dem Zuschauer, zeigt Billi ihre tiefe Trauer. Später erklärt sie in einem Monolog, wie sie den Tod des Grossvaters verpasst hat. Sich nicht von ihm verabschieden konnte, aus genau den gleichen Gründen, weswegen die Familie Wang jetzt Nai Nai anlügt.

Es steckt so viel über die chinesische Kultur in diesem Film, dass man als Aussenstehender gar nicht alles mitbekommt. Was man aber mitbekommt, sind die wenigen Witze, die soliden schauspielerischen Leistungen und viel Leerlauf bei den Vorbereitungen der Hochzeit. The Farewell ist ein Film, dessen grosse emotionale Momente etwas für sich stehen. Man merkt, mit welch einfachen Mitteln man hier manipuliert wird. Das Ergebnis ist natürlich trotzdem das gleiche.

/ sma