Der Fall Collini (2019)

Der Fall Collini (2019)

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  2. 118 Minuten

Filmkritik: Recht ist nicht gleich Gerechtigkeit

Fack ju, ihr vielen Stufen.
Fack ju, ihr vielen Stufen. © Praesens Film

Berlin, 2001: Der Industrielle Jean-Baptiste Meyer (Manfred Zapatka) wird in einem Hotelzimmer von dem Gastarbeiter Fabrizio Collini (Franco Nero) erschossen. Collini ergreift daraufhin nicht etwa die Flucht, sondern setzt sich mit Blutflecken auf seinem Hemd in die Lobby, bis er verhaftet wird. Pflichtverteidiger von Collini wird der erst seit drei Monaten als Rechtsanwalt aktive Caspar Leinen (Elyas M'Barek). Dabei weiss dieser noch nicht, wen er da genau verteidigt. Es stellt sich heraus, dass Caspar Collinis Opfer kannte: Meyer war wie ein Ziehvater für Caspar, dem der jetzige Anwalt viel zu verdanken hat.

"Django. The 'D' is silent."
"Django. The 'D' is silent." © Praesens Film

Er überlegt sich, den Fall wegen persönlicher Befangenheit abzugeben, doch wird er von vom Staranwalt und seinem ehemaligen Strafrechtsprofessor Richard Mattinger (Heiner Lauterbach) umgestimmt. So beginnt sich Caspar in den Fall hineinzuarbeiten, wobei ihm Collini nicht wirklich eine Hilfe ist. Denn der sieht den ganzen Prozess als reine Zeitverschwendung an. Doch Caspar gibt nicht so leicht auf - und kommt dabei einem riesigen Justizskandal auf die Spur.

Die Verfilmung von Ferdinand von Schirachs gleichnamigen Roman wird nach einem langsamen Start ein durchaus packendes Justiz-Thriller-Drama mit einem überzeugenden Elyas M'Barek in der Rolle eines jungen Anwalts. Der Film profitiert dabei ungemein von der Empörung des Zuschauers über einen echten deutschen Justizskandal, der von Regisseur Marco Kreuzpaintner und seinen Drehbuchautoren leicht verständlich in dem Film dargelegt wird. Starkes deutsches Kino!

Dass Gerechtigkeit und Recht nicht unbedingt immer das Gleiche sind, darum geht es in Der Fall Collini, der Bestsellerverfilmung nach Ferdinand von Schirach. Der gefeierte Autor, von dem unter anderem auch die Vorlage zum TV-Experiment Terror - Ihr Urteil) stammt, weiss worüber er schreibt. Er selbst arbeitete jahrelang als Rechtanwalt und spezialisierte sich dort vor allem auf das Strafrecht. Mal abgesehen von einer etwas vorlauten Richterin wirkt so auch die Adapation von Der Fall Collini sehr authentisch. Der grösste Trumpf ist jedoch ein trauriger: Obwohl hier eine (erfundene) harte Geschichte um Mord und Totschlag - der Unterschied ist ein Bedeutender - erzählt wird, ist das Erschütternste daran, dass sie auf einem echten Justizskandal beruht.

Welcher Skandal genau gemeint ist, wird hier aus Spoilergründen nicht enthüllt. Denn die Stärke dieser Verfilmung - wie übrigens auch des Romans - ist, dass der Zuschauer/Leser die unglaublichen Ereignisse mit dem Anwalt zusammen Stück für Stück aufdeckt. Der Film ist dabei deutlich mehr an der Aufarbeitung des Themas interessiert als an seinen zentralen Figuren. Elyas M'Barek spielt die Rolle des Anwalt sackstark, doch bleiben wir nicht wegen seiner Figur dran, sondern wegen des Falls. Franco "Django" Nero als Angeklagter Collini bieten sich derweil zwar kaum Gelegenheiten für Oscar-Clips, doch ist sein Spiel vor allem dank seinen hellen blauen Augen intensiv. Etwas verschenkt ist hingegen Alexandra Maria Lara als Enkelin des Ermordeten.

Bevor es in Der Fall Collini richtig zur Sache geht, muss etwas ausgeharrt werden. Denn in der ersten Stunde des Filmes geht es für den Anwalt vor allem darum zu erfahren, wieso Collini Meyer umgebracht hat. Da dieser jedoch schweigt, kommt der Plot nicht wirklich vorwärts. Das ist natürlich beabsichtigt, doch hätte dieser Teil auch ein bisschen weniger lang sein können. Nach einem verhaltenen Beginn steigert sich Der Fall Collini dann aber immer mehr und wird mit Ausnahme einer etwas gar kitschigen Abschlussszene zum spannenden Justiz-Thriller, über den es sich zu diskutieren lohnt.

Regisseur Marco Kreuzpaintner und auch die Leute in den Departementen Score und Schnitt haben tolle Arbeit geleistet. Vom Gebotenen her ist das endlich mal wieder ein deutscher Film, der nicht einfach nur im Kino läuft, sondern auch dorthin gehört. Wer schon Im Labyrinth des Schweigens aufwühlend und toll fand, wird auch hier packende Unterhaltung finden.

Christoph Schelb [crs]

Christoph arbeitet seit 2008 für OutNow und leitet die Redaktion seit 2011. Er liebt die Filme von Christopher Nolan, die Festivals in Cannes und Toronto und kann nicht wirklich viel mit Jean-Luc Godard anfangen, was aber wohl auf Gegenseitigkeit beruht. Gewinner des Filmpodium-Filmbuff-Quiz 2019.

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