The Edge of Democracy (2019)

The Edge of Democracy (2019)

Am Rande der Demokratie
  1. ,
  2. 121 Minuten

Filmkritik: House of Cards, Brazilian Edition

Netflix
Ein Mann des Volkes
Ein Mann des Volkes © Netflix

Luiz Inácio Lula da Silva - kurz Lula - war einer der populärsten Präsidenten, die Brasilien je hatte. Der Mann mit der rauhen Stimme, vor rund 40 Jahren Mitgründer der Arbeiterpartei PT, war von 2003 bis 2011 Regierungschef des südamerikanischen Landes. Auf ihn folgte Dilma Rousseff, die als erste Frau ins Amt der Präsidentin gewählt wurde. Der Jubel und die Aufbruchstimmung waren gross, vergessen schienen die düsteren Jahre zwischen 1964 und 1985, als das Land unter dem Regime einer Militärdiktatur stand.

Chääs!
Chääs! © Netflix

Doch die bösen Geister der Vergangenheit sind zurück. 2016 wurde Dilma nach einem Amtsenthebungsverfahren als Präsidentin abgesetzt. Kurz vor den Neuwahlen 2018 wurde schliesslich Lula, der wieder zur Wahl antrat, wegen undurchsichtiger Korruptionsvorwürfe inhaftiert. Dies machte den Weg frei für den ultrarechten Jair Bolsonaro, der unter anderem die Militärdiktatur verherrlicht und für ziemlich alles steht, wogegen Lula und Rousseff seinerseits kämpften. Die Filmemacherin Petra Costa, selbst ein Kind von PT-Aktivisten, rekonstruiert die verworrene jüngere Geschichte ihres Heimatlandes und kommt zum Schluss: Die Demokratie im Land - und in der Welt? - steht auf der Kippe.

Petra Costas Dokumentation ist ein zuweilen etwas anstrengendes, aber auch informatives und beklemmend aktuelles Zeitdokument, das die unglaublichen politischen Entwicklungen in Brasilien der letzten vier Jahre nachzeichnet. Die Netflix-Produktion, die 2020 für den Oscar als bester Dokumentarfilm nominiert wurde, hinterlässt ein düsteres Bild der Demokratie in ihrem Land - und nicht nur dort. Mit dem Ex-Präsidenten Lula hat sie zudem einen starken Protagonisten, der dem etwas unfokussierten Film ein charismatisches Gesicht gibt.

Auf welcher Seite sie steht, daraus macht die Regisseurin Petra Costa von Beginn weg keinen Hehl - schliesslich ist sie "vorbelastet", waren ihre Eltern doch ebenfalls Polit-Aktivisten für die Arbeiterpartei PT des Ex-Präsidenten Lula. Auch deswegen ist zu befürchten, dass ihr Film wohl ähnlich wirkungslos bleibt wie die ihres amerikanischen Kollegen Michael Moore: Diejenigen, die bereits auf ihrer Seite sind, applaudieren und fühlen sich in ihrer Meinung gestärkt, die anderen lehnen den Film umso heftiger ab und verbuchen ihn als linke Propaganda.

Abgesehen von der politischen Stossrichtung hat The Edge of Democracy allerdings wenig Gemeinsamkeiten mit den Werken von Michael Moore, im positiven wie auch im negativen Sinn. Costas Film ist leiser im Ton und viel weniger polemisch, dafür auch ein bisschen weniger süffig-unterhaltsam. In zwei Stunden die verworrenen politischen Ränkespiele der letzten Jahre zu erklären und gleichzeitig einen Abriss über die jüngere Geschichte des Landes zu geben, ist auch ein etwas ambitioniertes Unterfangen.

Als Zuschauer ohne Vorwissen und Kenntnis des politischen Systems in Brasilien veliert man sich schnell in diesem Dschungel an Intrigen und Machtspielen, zumal der Film dramaturgisch etwas unstrukturiert daherkommt. Die Verknüpfung mit Petra Costas eigener Geschichte beziehungsweise derjenigen ihrer Eltern ist auch nur bedingt gelungen, erfährt man als Zuschauer doch letztendlich relativ wenig darüber. Es ist wohl einfach etwas zu viel Inhalt, den sie da unterbringen musste.

Dafür hat die Regisseurin einen Trumpf im Ärmel: Dank ihrem direkten Zugang zu den beiden Ex-Präsidenten Lula und Rousseff präsentiert sie Insiderinfos sozusagen direkt von der Quelle - auch wenn dadurch die Schlagseite nach links noch verstärkt wird. Doch angesichts der unglaublichen Umstände, die zu Dilma Rousseffs Amtsenthebung und Lulas Inhaftierung geführt haben - Frank und Claire Underwood aus House of Cards könnten es nicht besser gemacht haben -, kann man auch als neutraler Zuschauer nicht umhin, ihr Sympathie entgegenzubringen dafür, solche Machenschaften ans Licht zu zerren.

Und das jüngste Kapitel in diesem Politthriller - das in diesen Film nicht mehr eingeflossen ist - gibt ihr schliesslich recht: Im November des vergangenen Jahres wurde der im Volk nach wie vor äusserst populäre Lula aus der Haft entlassen. So bleibt ein Funken Hoffnung, dass der Kampf um die Demokratie im Land doch noch nicht ganz verloren ist.

Simon Eberhard [ebe]

Aufgewachsen mit Indy, Bond und Bud Spencer, hatte Simon seine cineastische Erleuchtung als Teenager mit «Spiel mir das Lied vom Tod». Heute tingelt er durch Festivals und mag Krawallfilme genauso wie Artsy-Farts. Nur wenn jemand einen Film als «radikal» bezeichnet, rollt er genervt mit den Augen.

  1. Artikel
  2. Profil
  3. E-Mail
  4. facebook
  5. Twitter
  6. Instagram
  7. Letterboxd