Echo (2019/II)

Echo (2019/II)

  1. 79 Minuten

Filmkritik: Brennende Häuser, Walfleisch und geräucherter Fisch - Weihnachtszeit in Island

Besinnliche Weihnachten?
Besinnliche Weihnachten?

Island zur Weihnachtszeit: Ein brennendes Haus mitten in der kargen Landschaft - der Besitzer hat es angezündet, denn Fertighäuser sind günstiger als eine Renovierung. Woanders streitet sich eine Familie bei der Auswahl des Weihnachtsbaums und in der Silvesternacht verkriecht sich ein vom Lärm des Feuerwerks verängstigter Hund unter einem Sofa. Sozialarbeiterinnen statten einen Drogenabhängigen mit einer neuen Packung Spritzen aus und ein Mädchen versucht erfolglos, seinen Vater durch ein einstudiertes Klavierstück zu beeindrucken.

Weihnachten im Seniorenheim
Weihnachten im Seniorenheim

Darüber hinaus gibt es Krippenspiele in der Schule, ein überfülltes Fitnessstudio und einsame Senioren in einem Altersheim. Andere Sequenzen zeigen wiederum, wie die Menschen feiern, warum ein dunkelhäutiger Sportler ins Solarium geht und wie ein Mann seinen Eltern erklärt, warum er aus ethischen Gründen kein Walfleisch mehr isst. Gleichzeitig wird ein Mann, der Fisch räuchern will, von seiner Frau kurzerhand in die Garage verbannt.

Insgesamt 56 Minidramen und Alltagsszenen werden in diesem Film mosaikartig zu einem Gesellschaftsporträt zusammengesetzt. Die Kombination der inhaltlich teilweise sehr unterschiedlichen Kurzgeschichten erzeugt Kontraste, die dem Film immer wieder neue Impulse geben. Allerdings vermisst man mit der Zeit einen Handlungsbogen, der die einzelnen Geschichten miteinander verbindet. Die lose Struktur, in der jede Figur jeweils nur einmal vorkommt und jede Geschichte nur kurz angedeutet wird, macht den Film schwer zugänglich. So erscheint die 79 Minuten kurze Spielzeit leider dennoch ziemlich lang.

In seinem dritten Spielfilm fängt der isländische Regisseur Runár Rúnarsson das Alltägliche in eindrucksvollen Bildern ein. Durch die gut durchdachten Bildkompositionen erzeugt er eine ausdrucksstarke Bildsprache, die eine eigene Kraft entwickelt. Jede der Geschichten besteht aus einer Einstellung. Die Kamera bewegt sich nicht und bleibt dadurch immer auf gleicher Distanz zu den Ereignissen und Figuren. Diese minimalistische Herangehensweise erlaubt es dem Publikum, die Bilder genauer zu studieren, ohne dass der Blick durch Schnitte oder Kamerabewegungen gelenkt wird. Gleichzeitig erzeugt dieser Stil den Eindruck, dass wir als Zuschauer nur einen ganz kleinen Einblick in das grosse Ganze erhalten. Trotzdem gelingt es dem Film, die Aussagen all dieser Kurzgeschichten zu transportieren. Insbesondere das geschickte Editing trägt dazu bei, dass es zu Kontrasten und Brüchen kommt. Sequenzen mit teilweise gegensätzlichen Stimmungen und Emotionen folgen direkt aufeinander, wodurch dieses Porträt der isländischen Gesellschaft facettenreicher wirkt.

Dennoch ist diese lose Aneinanderreihung unterschiedlicher Geschichten mit immer neuen Figuren und Inhalten auf Dauer anstrengend. Jede Geschichte wirft neue Fragen auf, die an sich interessant sind, die dann aber offen im Raum stehen, weil der Film sie nicht nochmals aufgreift. Eine weitere Schwäche des Films sind die Dialoge. Die meisten Sequenzen, die längere Dialoge enthalten, wirken stark konstruiert und dadurch verlieren sie jegliche Überzeugungskraft.

Echo überzeugt zwar durch eine eindrückliche Bildsprache. Allerdings fehlt es dem Film aufgrund der vielen unterschiedlichen Geschichten an Einheitlichkeit und Struktur. Dadurch wird der Zugang zu den Figuren und Ereignissen erschwert und deshalb hinterlassen leider nur ganz wenige der 56 Geschichten einen bleibenden Eindruck.

/ sul

Trailer Originalversion, mit deutschen und französischen Untertitel, 01:36