Queen of Hearts - Dronningen (2019)

Queen of Hearts - Dronningen (2019)

  1. ,
  2. 127 Minuten

Filmkritik: F is for Family

Zurich Film Festival 2019
Das Kapital
Das Kapital

Ein grosses Haus in der Natur, zwei Töchter und Erfolg im Beruf: Anne (Trine Dyrholm) und Peter (Magnus Krepper) gehören zu Dänemarks Oberschicht und führen ein gutes Leben. Aber mit der Ankunft von Peters fast erwachsenen Sohn droht Ärger im Paradies. Gustav (Gustav Lindh) ist in Schweden von der Schule geflogen und kam sogar mit der Polizei in Kontakt. Der Teenager ist alles andere als begeistert von der neuen Umgebung und der Idee der heilen Familie. Seine Stiefmutter ist immerhin mitverantwortlich für die schlechte Beziehung zu seinem Vater.

Die Reifeprüfung
Die Reifeprüfung

Während Peter im Krankenhaus als Arzt arbeitet, kümmert sich Anne als Anwältin in ihrer eigenen Kanzlei um junge Opfer von Gewalt. Dabei nimmt sie ihre Arbeit wortwörtlich mit nach Hause. Angezogen von Gustavs Jugend versucht auch Anne wieder etwas mit mehr Spass zu haben. Mit einer Sommer-Affäre setzt sie dabei ihr gesamtes Leben aufs Spiel und katapultiert sich direkt in ein moralisches Dilemma.

Queen of Hearts ist eine gelungene Milieustudie mit einer bärenstarken Hauptdarstellerin. Mit jeder Bewegung zeigt Trine Dyrholm die Machtposition ihrer Figur. Die Beziehungen der Figuren sind bis zum Ende glaubhaft inszeniert. Doch zwischen den lauten Höhepunkten und schönen Momenten vermisst man eine klare Struktur und den Mut zum Schnitt.

«Ihm ab, den Kopf», ruft die Herzkönigin in Lewis Carrolls Alice im Wunderland. Diese Geschichte wird den beiden Töchtern in Queen of Hearts mehrmals vorgelesen. Mama Anne ist da die wesentlich wohlwollende Regentin. Sie herrscht und teilt über ihre Familie und ihre Kanzlei. In einigen Situationen würde sie das königliche Recht aber wohl nicht ablehnen. May el-Toukhys Familiedrama ist eines voller Andeutungen. Beziehungen wie die von Annes Mutter oder ihres Geschäftspartners werden in Nebensätzen abgehandelt, die Vergangenheit bleibt vage. Die Ehe zwischen Anne und Peter könnte alles sein, vom perfekten Familienglück bis hin zu dessen vollendeten Trugbild.

Trine Dyrholm erinnert in der Hauptrolle stark an Robin Wright aus House of Cards. «Macht ist Macht», heisst es dort und mit genau diesem Verständnis tritt Dyrholms Anne in jeder Szene auf. Dass sie sich nicht an alle Regeln hält und stets ihren Vorteil sucht, wird früh klar. Im Sommer, den sie mit Stiefsohn Gustav verbringt, wendet sie sich etwas mehr der Familie zu, geniesst ihre Freizeit und lässt sich von Gustavs Jugend anstecken. An ihrem Charakter ändert das aber nichts, doch sie erlangt ein neues Selbstverständnis das sie lustvoll demonstriert. Es ist eine der besten Szenen des Films, in der Anne allein zu einem Popklassiker aus den Achtzigerjahren tanzt.

Das moralische Dilemma des Films wird bewusst einseitig inszeniert. Wir sollen Anne erst kennen- und mögen lernen, bevor sie uns schockiert. Sie ist es, die den Sommerflirt mit ihrer Aggressivität in eine ausgewachsene Affäre verwandelt. Irgendwo zwischen Call Me by Your Name und der nächstbesten Pornofantasie sehen wir die verbotene Beziehung zwischen den beiden Protagonisten. Der Sex ist dabei selbst für einen europäischen Film sehr explizit und beschränkt sich längst nicht nur auf das Schlafzimmer. Die Affäre gibt Annes Ehe eine neue Stossrichtung.

Die Handlung durchlebt mehrere Höhepunkte, während der Film es verpasst, auf einem zu enden. In den über zwei Stunden Laufzeit schliesst sich immer wieder von Neuem ein kleiner Konflikt an, gewissermassen kumulierte Nebengeräusche der grossen Romanze. Annes Arbeit kommt im Film viel zu kurz, genauso wie Gustavs Hintergrundgeschichte. Diese ist zu wenig glaubhaft, denn er wäre wohl der netteste Kriminelle und Problemjugendliche der Welt, so leicht wie er sich zum Guten hin verändern kann.

Bis zum Abspann braucht man ähnlich viel Ausdauer wie Hauptfigur Anne bei ihrer Problembewältigung. Mit jedem Streit wird der Schock über ihr Verhalten etwas kleiner und die Einseitigkeit der Geschichte wirkt sich auf das emotionale Gewicht der Handlung aus. Queen of Hearts ist so eine Art brutaler Film über Macht und weit mehr als eine Gender-Swap-Geschichte. Die Klarheit der Inszenierung fehlt allerdings dem Drehbuch.

/ sma