Drita (2019)

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  2. 82 Minuten

Filmkritik: Dene wos guet geit, giengs besser...

Zurich Film Festival 2019
Als die Welt noch in Ordnung war.
Als die Welt noch in Ordnung war.

Flamur (Genc Jakupi) kehrt zurück in seine Heimat, den Kosovo. Vor Jahren hatte er das Land verlassen, floh nach Amerika. Es war eine Flucht vor den Folgen des Jugoslawien-Krieges, der Zukunftslosigkeit und dem Elend. Zum ersten Mal kommt er zurück nach Pristina, wo er seine grosse Liebe, Drita (Arta Dobroshi), zurückgelassen hatte. Zu sehr war sie in ihrer Heimat verwurzelt durch ihre Familie, ihren Job als Violinenspielerin und ihre Kultur.

Keine Perspektive, keine Zukunft
Keine Perspektive, keine Zukunft

Als Flamur zurückkehrt, ist Drita bereits tot und begraben. Sie wurde hingerichtet und Flamur kennt den Täter. Langsam keimt im ihm das Gelüst nach Rache auf, Rache an dem Mann, welcher ihm alles nahm, was ihm lieb war. Was nun? Soll er seinen Kontrahenten ebenfalls des Lebens berauben? Ginge es ihm dann besser? Oder lernt Flamur etwas aus seinen eigenen Erfahrungen mit Gewalt?

«Wie würdest du damit umgehen, wenn du wüsstest, wer deiner Freundin das Leben genommen hat?» Mit dieser Frage beschäftigt sich Daniel Kruglikov in seinem Drama. Er setzt es im Kosovo an, nach dem Krieg, einem Land, das stark gelitten hat, gezeichnet ist durch die erlebten Qualen. Und wie seinem Heimatland ergeht es auch dem Protagonisten Flamur: Er kehrt zurück in ein Land, mit dem ihn beinahe nichts mehr verbindet. Drita wühlt auf und will aufwühlen, es ist kein leicht bekömmlicher Film. Intensive Bilder treffen auf intensive Emotionen, eine Violine singt klagend ihr Lied: Drita schmerzt.

Der Film von Daniel Kruglikov beginnt mit der titelgebenden Hauptdarstellerin, um die es die weiteren 82 Minuten gehen wird. Drita - der albanische Name bedeutet übersetzt übrigens «Licht» - liest ihrem Freund Flamur einen langen, poetischen Brief vor. Die Kamera klebt ihr dabei an den Lippen, lässt sie keinen Moment aus den Augen, auch dann nicht, wenn sie kurz unterbricht und das Publikum direkt anschaut. Der Brief erzählt ein Gedicht über eine Schwalbe, mit der sich der Verfasser des Briefes - also Flamur als 14-jähriger - unterhält. Zwischendurch werden immer wieder Bilder von in Lumpen gehüllten, verwahrlosten Menschenmassen gezeigt, die im Jugoslawien-Krieg alles verloren haben.

Drita ist ein äusserst stilles, ruhiges Drama, in dem hauptsächlich die Bilder sprechen. Die Dialoge sind kurz und knapp gehalten, eigentlich hat Flamur auch nicht mehr viel zu sagen. Es scheint alles bereits gesagt, sämtliche Schlachten sind geschlagen und verloren. In diesem Film geht es um die Zeit nach dem Jugoslawien-Krieg, um Rache, um die Verarbeitung des Geschehenen. Aber auch um Rückkehr, schliesslich kehrt Flamur das erste Mal in seine Heimat Prishtina im Kosovo zurück.

Verbunden werden diese beiden Themen durch die Liebe zwischen Drita und Flamur. Sie wollte in der Heimat bleiben, in ihrem gewohnten Umfeld, bei ihrer Familie, während er den Krieg und die Zerstörung nicht mehr ausgehalten hat. Drita ist eine sehr melancholische, depressive Auseinandersetzung mit dieser Zeit, als eines der grössten Länder Europas sich in viele kleinere spaltete und Fehden erschuf, welche bis heute anhalten. Der Film fasst diese Stimmungen punktgenau auf, zeigt, was mit den Menschen geschehen sein muss, welche unter den gewaltigen Umbrüchen zu leiden hatten: Familien, die auseinandergerissen, Häuser und Städte, die zerbombt wurden, tausende Menschen, die alles verloren, was sie hatten. Es sind nicht primär physische Narben, die bei der Bevölkerung entstanden, sondern vielmehr psychische.

Zum Schluss kehrt die Kamera zu Drita zurück, die den Brief erneut vorliest, diesmal ist jedoch permanent die Reaktion Flamurs zu sehen. Drita ist kein Film, der unterhält, es ist ein Film, der schmerzt. Und der nur erahnen lässt, was die Menschen damals durchlebt haben müssen. Dies setzt zu, die stete Hoffnungslosigkeit löst sich erst ganz am Ende ein wenig, als Flamur selbst abschliessen kann und die Spirale aus Trauer, Wut und Gewalt durchbricht.

/ yab