Divino Amor (2019)

Divino Amor (2019)

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  2. 101 Minuten

Filmkritik: Jesus fucking Christ

Zurich Film Festival 2019
Neon Love
Neon Love

Für Brasilien ist im Jahr 2027 nicht mehr der Karneval das wichtigste Volksfest, sondern das Fest der höchsten Liebe. In der religiösen, erstaunlich stark triebgesteuerten Gemeinschaft Divino Amor haben Joana (Dira Paes) und ihr Mann Danilo (Julio Machado) ihre Liebe zueinander wiedergefunden. Bei ihrer Arbeit auf dem Scheidungsamt holt Joana regelmässig verzweifelte Paare zu Divino Amor, um ihnen dasselbe Erlebnis zu ermöglichen.

«Let's talk about sex, baby!»
«Let's talk about sex, baby!»

Ausserdem versuchen Joana und Danilo seit längerer Zeit, Eltern zu werden. Doch bisher wollte es einfach nicht klappen. Dabei haben sie bereits verschiedene Methoden ausprobiert. So hat das Paar eine Befruchtungslampe gekauft, bei der sich Danilo kopfüber auf ein Gerüst legen muss, um seine Geschlechtsteile bestrahlen zu lassen. Der Erfolg bleibt trotzdem aus und Joana wird langsam aber sicher ungeduldig. Sie sucht sich Rat bei einem Pastor, der ihr auch nicht mehr bieten kann als leeren Floskeln. Doch dann geschieht das Wunder.

Der Brasilianer Gabriel Mascaro erzählt die Geschichte einer frustrierten Frau zwar kompetent, allerdings ist sie für die ganze Laufzeit zu dünn. Audiovisuell ansprechend und stellenweise witzig, fehlt Divino Amor für eine Satire der Biss und für ein Drama der emotionale Punch. Da helfen auch keine interessanten Zukunftsideen wie der Drive-Thru-Priester. Und die überlangen Sexszenen schon gar nicht.

Was, wenn gläubige Christen wild durcheinandervögeln würden? In seiner Zukunftsvision Divino Amor stellt der brasilianische Künstler, Autor und Regisseur Gabriel Mascaro ziemlich genau diese Frage. Mascaro gewann 2015 mit seinem Drama Neon Bull den Honorable Mention Award in Toronto sowie den Jurypreis in Venedig. Da sein Heimatland erzkatholisch und die Religion demnach allgegenwärtig ist, erstaunt die Themenwahl für seinen neuen Film nicht sonderlich.

Die Geschichte, die Mascaro erzählt, funktioniert. Die Grundlage liefert ein Paar, das verzweifelt versucht, Kinder zu kriegen; so weit, so nachvollziehbar. Allerdings wird diese Story fast über die ganze Laufzeit ausgedehnt und verliert je länger je mehr an Tempo und Spannung. Ausserdem wird nur Joanas Figur richtig ausgearbeitet und die gesamte Handlung wird mit der Zeit etwas gar repetitiv. Dazu kommen mehrere - und vor allem lange - Sexszenen. (Also vielleicht nicht mit Mami oder Papi angucken.)

Einige clever angesetzte Sci-Fi-Ideen habens in den Film geschafft. Beispielsweise sind überall Ganzkörperscanner installiert, die sofort erkennen, wer das Gebäude gerade betreten hat - und ob diese Person zum Beispiel schwanger ist. Aus dieser Ecke kommt auch das unweigerliche komödiantische Highlight des Films, der Drive-Thru-Priester. Leider werden diese Ideen nicht allzuweit erforscht, geben der Welt von Divino Amor aber einen einzigartigen Dreh und lassen sie erstaunlich realistisch wirken.

Audiovisuell weiss der Film zu gefallen. Der Kontrast zwischen der grauen, von Aktenordnern überfüllten Realwelt und der neongetränkten, mit Synthesizerklängen untermalten Religionsfantasie unterstreicht Joanas Präferenz gekonnt. Ausserdem lässt Mascaro die Kamera öfters lange stehen und filmt ohne Schnitt.

Dies tut er auch während den erwähnten Sexszenen und den diversen seltsamen Ritualen innerhalb der Divino-Amor-Sekte. Wie er zum Thema seines Films, der Religion, steht, dringt nicht vollständig durch. Zwar macht sich Mascaro an mehreren Stellen über bizarre religiöse Praktiken lustig, allerdings relativiert er diese Haltung am Ende des Films wieder. Somit beantwortet er auch seine Leitfrage nur bedingt. Findet er diese Zukunftsaussichten, auf die Brasilien tatsächlich hinsteuert, nun gut oder nicht? Und: Finden wir das gut oder nicht? Alles eine Frage der (Vogel-)Perspektive.

/ nna