Diego Maradona (2019)

Diego Maradona (2019)

  1. ,
  2. 130 Minuten

Filmkritik: Sex, Drugs and Football

72e Festival de Cannes 2019
El Capitan
El Capitan

Neapel, im Sommer 1984: Der SSC Napoli hat gerade einen Sensationstransfer gelandet: Für eine Rekordsumme ist es ihm gelungen, vom FC Barcelona den 23-jährigen Superstar Diego Armando Maradona zu verpflichten. Und der Ballkünstler enttäuscht die riesigen Erwartungen nicht: Mit ihm als Captain gewinnt die Elf, zuvor noch nie Meister und chronisch im Schatten der Vereine aus dem Norden, zweimal die italienische Meisterschaft. Mit der argentinischen Nationalmannschaft wird Maradona zudem 1986 Weltmeister.

Azzurro, il pomeriggo è troppo azzurro e lungo per me...
Azzurro, il pomeriggo è troppo azzurro e lungo per me...

Maradona ist endgültig zum Fussballgott geworden. Doch im fussballverrückten Neapel stellt die fanatische Verehrung seitens der Fans auch eine erhebliche Belastung für ihn dar. Kommt hinzu, dass er sich vermehrt in die Machenschaften der Camorra verstrickt und in eine Abhängigkeit von Kokain gerät. Sein Leben wird von den Zeitungen wie eine Soap-Opera ausgeschlachtet. An der Fussball-Weltmeisterschaft 1990 kommt es schliesslich zu einer schicksalsschweren Partie: Maradonas Argentinien trifft im Halbfinale auf die italienischen Gastgeber - im Stadion des SSC Neapel...

Mit spektakulären, noch nie gesehenen Aufnahmen von der Seitenlinie und mit Interviews - darunter auch mit dem Maestro selbst -, präsentiert der Dokuspezialist Asif Kapadia (Senna, Amy) ein berührendes Porträt eines Ausnahmetalents, das alles erreicht, was man sich je zu erreichen wünscht, aber auch abstürzt wie wohl wenige andere. Ein zwar etwas überlanger, aber dennoch nicht nur für Fussballfans sehenswerter Ausflug zurück in die Achtziger und Neunziger.

Wenn man einen Dokumentarfilm über einen Fussballstar macht, kommt man kaum darum herum, dessen glorreichste Szenen auf dem Spielfeld irgendwie zu integrieren. Das ist bei Diego Maradona nicht anders, zumal seine beiden Treffer gegen England an der WM 1986 zu den wohl berühmtesten Toren in der Fussballgeschichte zählen. Doch Regisseur Asif Kapadia zaubert hier ein Ass aus dem Ärmel: Anstatt der bekannten TV-Bilder wartet er mit spektakulären Bildern von der Seitenlinie auf, was die Szenen um ein Vielfaches intensiver macht. Anstatt von der Ferne verfolgt der Zuschauer das Geschehen hautnah.

Diese Archivaufnahmen stammen von zwei Kameramännern, die damals angeheuert wurden mit dem Ziel, einen Film über Maradonas Leben zu drehen. Einen Film, der nie zustande kam - bis heute. Ergänzt werden die Aufnahmen vom Spielfeld von zahlreichen Shoots aus Maradonas privatem und öffentlichen Leben. Das Videomaterial ist zweifellos ein Glücksfall und bei Asif Kapadia sicherlich auch in den richtigen Händen. Nach Ayrton Senna und Amy Winehouse hat er sich schliesslich zum oscarprämierten Spezialisten für die dokumentarische Annäherung an tragische Helden entwickelt, deren Leben Millionen bewegten.

Im Unterschied zu den beiden Vorgängern lebt Maradona freilich noch und ist dem Regisseur auch Red und Antwort gestanden. Die Interviews - neben Maradona selbst kommen auch seine Exfrau, sein früherer persönlicher Trainer, ein Ex-Teamkamerade, ein Tifoso und der Ex-Präsident des SSC Neapel zu Wort - sind allerdings nur als Voice-over in den Film eingeflochten, wohl auch deshalb, weil wohl mehr als genug Archivmaterial zur Verfügung stand und die Filmlänge mit über zwei Stunden auch so schon obere Grenze ist.

Vielleicht wollte man aber auch den "heutigen" Maradona nicht zu sehr ins Zentrum rücken. Denn streng genommen ist Diego Maradona kein Film über Maradonas Leben, sondern ein Film über seine Jahre in Italien beim SSC Napoli. Er zeichnet so auch ein Bild dieser von Armut und organisierten Kriminalität gezeichneten Stadt. Letzterer konnte sich auch - oder gerade - er als Superstar nicht entziehen. Sehr schön zeigt der Film den Kult um seine Person und die Craziness einer ganzen Stadt, wenn es um Fussball geht. Die Jubelbilder nach den verschiedenen Titeln mögen auf Dauer etwas ermüdend sein, machen aber auch nachvollziehbar, wie ein junger Mann wie Maradona, der selbst in einfachen Verhältnissen aufgewachsen ist, in diesem Tollhaus zerbrechen kann.

So ist es denn wohl kein Zufall, dass Kapadia seinen Film - im Unterschied zu den beiden Vorgängern - mit dem Vor- und dem Nachnamen der porträtierten Persönlichkeit betitelt. Denn wie sein früherer persönlicher Trainer es beschreibt, gab es einen privaten "Diego", verletzlich und unsicher, und einen öffentlichen "Maradona", den überirdischen Fussballgott. Es brauchte wohl beide, dass diese unglaubliche Fussballgeschichte Realität geworden ist.

/ ebe

Jetzt unter freiem Himmel!

Der Film wird Openair aufgeführt, das nächste Mal am 15. August 2019.

Trailer Englisch, mit deutschen und französischen Untertitel, 02:10