So Long, My Son - Di jiu tian chang (2019)

So Long, My Son - Di jiu tian chang (2019)

  1. 180 Minuten

Filmkritik: Mit Brötchen wie aus «Bao»

1. OutNow Film Festival 2020
Ein Foto als Erinnerung an die Vergangenheit
Ein Foto als Erinnerung an die Vergangenheit © trigon-film

Liyun (Mei Yong) und Yaojun (Jingchun Wang) haben sich in der südchinesischen Provinz Fujian eine Existenz als Werkstattinhaber aufgebaut, als ihr Adoptivsohn Xing zu rebellieren beginnt. Der scheue Halbwüchsige fällt in der Schule auf, klaut und will sich, sobald er seinen ersten Personalausweis bekommt, anderen Schulabgängern anschliessen und auf seinem Motorrad davondüsen. Damit löst er auch bei seinen Eltern mehr aus, als er ahnt.

Ein Bild aus glücklicheren Tagen
Ein Bild aus glücklicheren Tagen © trigon-film

Denn Xings störrisches Verhalten sorgt dafür, dass beim Ehepaar alte Wunden aufbrechen. In den 1980ern, zur Zeit der chinesischen Ein-Kind-Politik, arbeiteten die beiden mit anderen Familienmitgliedern in einer Fabrik in Norden der Volksrepublik. Ihr leiblicher Sohn ertrank in einem Stausee und die Abtreibung eines zweiten Kindes - ein solches wurde im Sinne der staatlichen Familienplanungspolitik nicht geduldet - führte zur familiären Zerrüttung. Für Liyun und Yaojun beginnt die Aufarbeitung ihrer Vergangenheit.

Der Film von Xiaoshuai Wang (Chongqing Blues) ist nicht leicht zugänglich, aber lohnend, wenn man sich konzentiert auf die drei Stunden einlässt. «Episch» ist als Begriff vielleicht zu abgenudelt, aber das vielschichtige Familiendrama und die gleichzeitig wie beiläufig sich abspielende Geschichtslektion fasziniert. Nicht zuletzt wegen dem Hauptdarstellerpaar.

Von «episch» schrieben viele Kritikerinnen in ihren Rezensionen nach der Weltpremiere des chinesischen Films an der Berlinale 2019. Mit «langfädig» umschreiben die Kollegen der OutNow-Redaktion andere Werke Xiaoshuai Wangs, der uns auch an Festivals immer wieder begegnet. So long, My Son - auch Teil des Wettbewerbs der ONFF-Erstausgabe - ist auf faszinierende Art beides.

Nun, ab wann ist ein Werk episch? Von Homers «Odysee» bis zu «Star Wars»: Epen gibt es viele. Reicht dazu eine überdurchschnittliche Filmlänge oder eine Verdichtung grosser Themen in abendfüllenden Geschichten? Drei Stunden braucht Xiaoshuai Wang, um seine Geschichte zu erzählen. Drei, wenn nicht sogar vier Jahrzehnte werden in So long, My Son abgedeckt. Ein Familienschicksal als Teil eines grösseren Ganzen: dem staatlichen Einfluss auf die Geburtenrate, der wirtschaftlichen Migration und dem Tod des eigenen Nachwuchses.

Seine elliptische Erzählweise ohne stringte Datumsangaben on screen verwirrt anfänglich. Chinesische Codes wie zum Beispiel Klamotten, welche auf Dekaden hinweisen könnten, entgehen dem westlich geprägten Auge. Verschiedene Figuren haben dieselben Kosenamen. Dazu kommt, dass es für unsereiner schwierig ist, sich ungewohnte Vornamen zu merken. Und die klassische Wahrnehmungsfalle «Sehen nicht alle Asiaten gleich aus?» erschweren den Einstieg. So sind es in erster Linie Bilder, welche Bezüge herstellen lassen. Das warme Klima am Meer, die Kälte im Norden und der West-Pop in kommunistischen Arbeiterwohnungen oder eine überfüllte Mitarbeiterversammlung, die in ein irrwitziges Chaos ausartet.

Wang entwickelt stille Gesellschaftskritik behutsam, trauernde Mienen erklären sich erst mit der Zeit. Ein Ehepaar, seine Angehörigen und die Fabrikbekanntschaften sind bedrückendes Zeugnis von Chinas Weg weg von der Ein-Kind-Politik hin zum Kapitalismus. Das kann man schon als Epos bezeichnen. Denn nur schnell, schnell erzählt sich sowas natürlich nicht, wenn man es mit Nachhall tun will.

/ rm

Trailer Originalversion, mit deutschen und französischen Untertitel, 01:42