Deutschstunde (2019)

Deutschstunde (2019)

Filmkritik: Ab in die Schule!

Zurich Film Festival 2019

Deutschland während des Zweiten Weltkriegs: Auch ins norddeutsche Dorf Rugbüll gelangen die Befehle des Führers, der von der Hauptstadt aus regiert. So stellt unter anderem der ortsansässige Polizist Jens Ole Jepsen (Ulrich Noethen) Hitlers Malverbot auf dem Lande durch. Dies trifft vor allem den expressionistischen Künstler Max Ludwig Nansen (Tobias Moretti), mit dem Jepsen schon seit Kindestages befreundet ist.

Doch ein Befehl ist ein Befehl und nach einer Weile spannt Jepsen auch seinen jungen Sohn Siggi (Levi Eisenblätter) ein, damit dieser bei Besuchen bei Nansen sicherstellen kann, dass der Maler sich auch ans Verbot hält. Siggi bekommt deshalb von Nansen jedoch nicht die kalte Schulter gezeigt. Ganz im Gegenteil: Siggi beginnt bald selbst mit Tipps von Nansen zu malen. Der Junge findet sich dabei schnell in einer Zwickmühle wieder: Soll er seinem strengen Vater gehorchen oder Nansens Taten geheim halten?

Die Umsetzung des Romans "Deutschstunde" ist perfekt für die ääähm ... Deutschstunde. In der Schule lässt sich nach dem Schauen wunderbar über die verschiedenen Themen wie Pflicht und Schuld sowie über Parallelen zur heutigen Zeit diskutieren. Doch auf emotionaler Ebene lässt das visuell stark umgesetzte Werk etwas zu kalt. So ist der Film in erster Linie "noch wichtig", aber nicht wirklich ein Stück deutsches Kino, an welches man sich lange erinnern wird.

Deutschstunde von Siegfried Lenz gehört zu den grossen Welterfolgen der Literatur. Der Roman wird in deutschen Schulen - auch 51 Jahre nach dem Erscheinen - immer wieder durchgekaut und es ist nicht schwer zu erkennen warum. Die Handlung spielt zwar grösstenteils zur Zeit des Nationalsozialismus, doch die angesprochenen Themen sind universell und leider immer noch topaktuell. Es geht um blinde Pflichterfüllung, Eigenverantwortung und den Einfluss repressiver Systeme auf zwischenmenschliche Beziehungen. Von dem her ist es sicher gut, dass der Stoff weiterhin behandelt wird und Regisseur Christian Schwochow jetzt das Ganze (nicht nur für die Lesefaulen) als Film umgesetzt hat.

Die 600 Seiten dicke Vorlage wurde für diese Adaption dabei von Heide Schwochow, der Mutter des Regisseurs, aufs Wesentliche heruntergebrochen. Einiges wurde weggelassen (Bruder Klaas ereilt hier ein anderes Schicksal und Siggis Mutter ist vor allem still und zeigt nichts von ihrer Überzeugung für den Nationalsozialismus), doch das Wichtigste ist da, weshalb dieser Film für den Schulunterricht empfohlen werden kann. Zudem sind die 125 Minuten, die der Film dauert, deutlich einfacher in einen Stundenplan einzubauen als die noch 225-minütige TV-Fassung von 1971.

Als überzeugender Kinofilm fehlen dieser Umsetzung jedoch ein paar Sachen. Die Landschaftsbilder sind zwar von einer beeindruckenden Schönheit und rechtfertigen die Projizierung auf eine Leinwand. Aber auf emotionaler Ebene konnte Schwochow nicht viel aus dem Stoff herauskitzeln. An den Darstellern liegt das wahrlich nicht. Ulrich Noethen und Tobias Moretti sind richtig toll in ihren Rollen, wobei es ihnen auch mal erlaubt ist, laut zu werden. Ganz anders der zwischen den beiden Idealen stehende Siggi, der vornehm im Stillen leidet und selten wirklich etwas sagt. Siggis inneren Kampf stellt der Jungdarsteller Levi Eisenblätter zwar mit Blicken durchaus überzeugend dar, doch bleibt seine Figur uns aufgrund der gezeigten Kälte im Film und ein paar nicht sehr motiviert wirkenden Taten immer etwas auf Distanz.

So ist Schwochows Werk vor allem auf theoretischer Ebene interessant, wenn über Pflicht und Schuld verhandelt wird. Doch so herzzerreissend und spannend wie es zum Beispiel Das Leben der Anderen war, ist das hier nie. "Der Text wurde verstanden und dem Publikum ohne grobe Fehler präsentiert." So könnte ein Urteil im Klassenzimmer lauten. Doch Kino ist nicht gleich Schule und so reisst einen Deutschstunde in etwa so fest mit wie früher die Vorträge der Klassenkameraden.

/ crs

Trailer Deutsch, 02:00