Le daim (2019)

Le daim (2019)

  1. 77 Minuten

Filmkritik: Full Mental Jacket

72e Festival de Cannes 2019
"Läck Bobby, sehe ich geil aus."
"Läck Bobby, sehe ich geil aus."

Seit Georges (Jean Dujardin) in einem Zeitungsinserat eine Hirschlederjacke gesehen hat, ist nichts mehr so, wie es einmal war. Er verlässt seine Frau, steigt ins Auto und fährt zu einem Haus, welches völlig im Nirgendwo liegt, um dort die Jacke zu erstehen. Er muss das gute Stück unbedingt haben. Da lässt es sich auch von dem völlig überrissenen Kaufpreis von mehr als 7000 Euro nicht abschrecken. Da Georges das Geld bar dabei hat, legt der Verkäufer noch eine Videokamera gratis obendrauf.

"Die Dinosaurier fügen wir dann in der Post-Produktion ein."
"Die Dinosaurier fügen wir dann in der Post-Produktion ein."

Ein super Deal, findet Georges und probiert die Kamera zusammen mit der neuen Jacke gleich in einem nahegelegenen Hotel aus. Er hat das Gefühl, der absolut Geilste zu sein und beginnt nach einer Weile sogar, mit seiner Jacke zu reden und antwortet auch gleich für das Kleidungsstück. Dabei vertraut die Jacke Georges an, dass ihr grösster Traum es ist, in einer Welt zu leben, in dem sie die einzige Jacke ist. Es dauert nicht lange, da beginnt Georges alles für diesen Traum zu tun - und hält sein schnell mal blutiges Vorhaben mit der Kamera fest.

Quentin Dupieux, der Regisseur des Killerpneu-Splatters Rubber, lässt Oscarpreisträger Jean Dujardin (The Artist) im absurd-lustigen Le daim aufgrund einer Hirschlederjacke zum Mörder werden. Das ist genauso schräg, wie es klingt. Zwar kommt der Erzählfluss bei einer Laufzeit von gerade einmal 77 Minuten immer mal wieder ins Stocken, doch bleibt der Film dank seiner Einfälle und WTF-Situationen in positiver Erinnerung.

Kommt nach dem Killerpneu nun die Killerjacke? Nein, denn so einfach ist es nicht im neusten Film von WTF-Spezialist Quentin Dupieux. Hier bringt kein Kleidungsstück wahllos Menschen um, sondern Dupieux erzählt die Geschichte eines Mannes, der immer mehr den Verstand verliert. Dass dabei eine Jacke eine wichtige Rolle spielt, ist das nicht tragisch, sondern zum grossen Teil saukomisch.

Es ist überdeutlich ein Werk der Marke Dupieux. Das Ganze hat, was die Farben betrifft, einen recht ausgewachsenen Look, und Menschen verhalten sich nicht wirklich so, wie man es aus der echten Welt kennt. Da wird auch die von Adèle Haenel gespielte Barkeeperin Denise scheinbar naiv zum "Partner in Crime", obwohl doch eigentlich sonnenklar ist, dass mit Jean Dujardins Georges was ganz und gar nicht stimmt. Schon alleine, dass dieser die fast im Mittelpunkt stehende Hirschlederjacke so geil findet, sollte eigentlich schon ein Wink mit dem Zaunpfahl sein. Das Teil ist nämlich nicht nur zu klein für den Protagonisten, sondern sieht zudem einfach scheisse aus. Dujardin spielt diesen Loser überzeugend und ist einfach umwerfend, wenn er auf die Jagd geht.

Ein durchgehendes Lachfest sollte jedoch nicht erwartet werden. Dupieux' Filme zeichnen sich auch dadurch aus, dass sie zwischendurch fast zum Stillstand kommen oder sich im Kreis drehen. Als wolle er dem Zuschauer Zeit geben, die ganze Absurdität aufzusaugen. Dabei vergisst der Regisseur und Drehbuchautor jedoch, dass die Geschichte von Le daim zwar schön schräg, aber nicht so verrückt-absurd ist wie noch sein Rubber. Hier sind deutlich mehr Längen auszumachen. Dabei sind die Zutaten recht ähnlich. Auch hier und zudem ebenfalls in seiner letztjährigen Version eines Polizistenfilmes mit dem Titel Au poste!, die leider etwas untergegangen ist, spielt Dupieux wieder mit dem Medium Film. Der zum Killer werdende Georges hält seine Mission, die Welt von anderen Jacken zu befreien, mit einer Videokamera fest. Um an mehr Geld für sein verrücktes Vorhaben zu kommen, tut er so, als benötige er Budget für einen echten Film.

Diese Metaebene ist nicht uninteressant. Will Dupieux sagen, dass das Drehen eines Filmes ebenfalls ein verrücktes Vorhaben von Soziopathen/Psychopathen ist? Darüber darf gerne gestritten werden. Wer weniger gern streitet, erhält mit Le daim zwar nicht einen neuen Rubber, aber immer noch ein schwer vergleichbares, gerade einmal 77-minütiges WTF-Erlebnis, dessen Schlusspointe einen schelmisch grinsen lässt.

/ crs

Jetzt unter freiem Himmel!

Der Film wird Openair aufgeführt, das nächste Mal am 30. Juli 2019.

Teaser Französisch, mit deutschen Untertitel, 01:16