Come to Daddy (2019)

Come to Daddy (2019)

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  3. 93 Minuten

Filmkritik: Who's your daddy?

19. Neuchatel International Fantastic Film Festival 2019
Versteckis für Profis!
Versteckis für Profis! © Wtfilms

Norval (Elijah Wood) macht eine schwere Zeit durch: Er lebt nach gescheiterter Beziehung wieder bei der Mutter und weiss mit seinem Leben irgendwie nicht so recht etwas anzufangen. Bis er eines Tages einen Brief von seinem Vater (Stephen McHattie) erhält, welcher ihn zu sich nach Hause einlädt. An und für sich wäre das nichts Spezielles, hätte Norval seinen Vater nur nicht zum letzten Mal vor 30 Jahren gesehen. Er macht sich mit dem Bus auf die beschwerliche Reise zum abgeschiedenen Strandhaus, in welchem der Vater lebt.

Surprise, surprise!
Surprise, surprise! © Wtfilms

Dort angekommen, wird er nicht gerade warmherzig empfangen, sein Vater scheint ihn kaum zu (er)kennen und sich nicht einmal an die schriftliche Einladung zu erinnern. Beim Schiessen eines Selfies fällt Norvals Smartphone die Klippe hinunter ins Meer, auch die Zeit mit seinem Vater verläuft für ihn nicht befriedigend: Der Vater trinkt ständig Alkohol, verspottet Norval wegen dessen hippen Lebensstil. Die Situation droht mehrfach zu eskalieren, einen wahren Grund für die Einladung kann ihm sein Vater auch nicht nennen. Norval beschliesst abzureisen, als jedoch einige unvorhergesehene Ereignisse eintreffen, welche die Situation massgeblich verändern.

Come to Daddy ist ein spannender Thriller mit einem von der Leine gelassenen Elijah Wood. Das Erstlingswerk von Ant Thompson weiss über weite Strecken zu gefallen dank einem interessanten Genre-Mix, dunklem Humor und einer geballten Ladung an exzessiver Gewalt. Mit dieser schiesst er in der einen oder anderen Szene jedoch etwas übers Ziel hinaus. Ansonsten bietet der Film spassige Unterhaltung und einen unvorhergesehen Twist.

Elijah Wood macht eine bemerkenswerte Entwicklung durch: Nach The Lord of the Rings und seiner Parade-Rolle als Frodo Beutlin kamen in den letzten Jahren doch ein, zwei Rollen in Genre-Filmen hinzu - Come to Daddy eingeschlossen - in welchen es deutlich blutiger zur Sache geht als noch in der Fantasy-Saga. Er beweist aber auf jeden Fall, dass er für solche Rollen geeignet ist.

Come to daddy beginnt harmlos, nichts deutet auf die kommenden Ereignisse hin: Der Sohn trifft nach 30 Jahren den Vater wieder, da er dessen Einladung folgt. Dieses Aufeinandertreffen im äusserst abgelegenen Haus, direkt am Meer, benötigt dann circa die Hälfte der Laufzeit des Filmes. Die Situation ist spürbar seltsam und angespannt, die Zuschauenden hinterfragen dieses Familientreffen jedoch kaum. Es treffen zwei sehr unterschiedliche Charaktertypen aufeinander, welche sich gegenseitig stets Zündstoff für eine Eskalation liefern. Dies wurde grossartig umgesetzt vom Regie-Neuling Ant Thompson. Die Situation steht dabei mehrmals auf der Kippe, kann stets irgendwie im letzten Moment noch entschärft werden, damit sich die beiden Hauptcharaktere nicht zerfleischen.

Der Protagonist Norval ist wunderbar gespielt von Wood als unsicherer, ambivalenter Grossstadt-Hipster und Möchtegern-Musik-Insider mit stets grossen, weit aufgerissenen und Verletzlichkeit ausdrückenden Augen. Sein Gegenüber wird als alkoholkranker Provokateur und gefühlsloses Arschloch dargestellt und bildet somit den totalen Anti-Pol zu seinem Filmsohn. Geprägt wird dieses Aufeinandertreffen durch eine Situationskomik, welche sich durch den ganzen Film zieht. Der Humor ist schwarz, teilweise ziemlich bissig und sorgt für gute Unterhaltung.

Was dann folgt, mit dem hätte allerdings kaum jemand gerechnet: Es folgt ein Twist, welcher alles auf den Kopf stellt und den Film so richtig in Fahrt bringt, nachdem dieser stellenweise beinahe zum Erliegen gekommen wäre. Das Familientreffen entpuppt sich als wahres Horrorszenario. Nun werden seltsame Geräusche und Visionen aufgeklärt, das Geschehen spielt sich nun hauptsächlich nachts ab, während die erste Filmhälfte durch die Aussicht über Küste und Meer die Szenerie beinahe etwas beschönigt hatte.

Blut wird fliessen! Der psychologische Horror der ersten Hälfte wird physisch: Ohne Gnade wird nun gemetzelt. Phasenweise erinnert Woods Charakterentwicklung beinahe an Nicolas Cage in Mandy: Von liebenswürdig zum wahnsinnigen, mordenden Biest innert kürzester Zeit. Come to Daddy lässt sich folglich nur schwer einordnen, beginnt er doch als Familiendrama, wandelt sich zur urkomischen Komödie, bevor er zum regelrechten Splatterfilm wird. Nie zu kurz kommen dabei die Emotionen und der Schmerz der Familiengeschichte, welche dem Film als Grundlage dienen.
Schrullige Charaktere, ein Twist im Twist und eine angespannte Atmosphäre im ersten Teil des Filmes machen ihn durchaus sehenswert.

Yannick Bracher [yab]

Yannick ist Freelancer bei OutNow seit Sommer 2015. Er mag (Indie-)Dramen mit Sozialkritik und packende Thriller. Seine Leidenschaft sind Filmfestivals und die grosse Leinwand. Er hantiert phasenweise noch mit einem Super-8-Projektor und lernt die alten Filmklassiker kennen und schätzen.

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Trailer Englisch, 02:10