Color Out of Space (2019)

Color Out of Space (2019)

Die Farbe aus dem All
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Filmkritik: Das Ding aus einer anderen Welt

44th Toronto International Film Festival
"Das war gestern aber noch nicht so."
"Das war gestern aber noch nicht so." © Courtesy of TIFF

Die Familie Gardner lebt mitten im Wald in ihrem Einfamilienhaus. Mutter Theresa (Joely Richardson) erledigt Börsengeschäfte übers Internet, Vater Nathan (Nicolas Cage) kümmert sich um eine kleine Herde von Alpakas und die drei Kinder Lavinia (Madeleine Arthur), Jack (Julian Hilliard) und Benny (Brendan Meyer) gehen ihren eigenen Interessen nach. Das ruhige Leben wird jäh gestört, als eines Abends ein Meteorit auf dem Grundstück der Gardners einschlägt.

Das Gestein aus den Weiten des Alls schimmert lila und gibt einen ungewöhnlichen Geruch von sich. Schon bald häufen sich die seltsamen Vorkommnisse um die Einschlagstelle. Es wachsen neuartige Blumen, mit dem Wasser scheint nicht mehr alles in Ordnung zu sein und der Familienhund beginnt sich komisch zu benehmen. Doch dies ist erst ein Vorgeschmack auf den Wahnsinn, den die Gardners in den kommenden Tagen erleben werden. Ein unaussprechlicher Albtraum beginnt.

Richard Stanley schickt in seiner H.P.-Lovecraft-Adaption eine Familie um Nicolas Cage auf einen absoluten Horror-Trip, der in der letzten halben Stunde so richtig abgefahren wird. Der Film wirkt zwischendurch wie eine Mischung aus The Thing und Annihilation, doch dank einigen Lachern und dem halluzinogenen Bilderrausch muss Stanley den Vergleich nicht scheuen. Zwar bangt man nicht wirklich mit den Figuren mit, doch geht es hier in erster Linie nicht darum, wem hier was wiederfährt, sondern was für schräge Sachen sich Regisseur Stanley ausgedacht hat. Das funktioniert für zwei recht kurzweilige Stunden.

Richard Stanley ist zurück! Der Regisseur hat mit Color Out of Space seinen ersten Spielfilm seit 1994 realisiert. Diese lange Wartezeit hat jedoch nichts mit einer sagenumwobenen Schaffenspause à la Terrence Malick zu tun, der zwischen Days of Heaven und The Thin Red Line freiwillig 20 Jahre verstreichen liess. Nein, Stanleys Warterei hat mit dem legendären Flop The Island of Dr. Moreau zu tun, von dessen Set der Regisseur nach gerade einmal drei Drehtagen gefeuert wurde. Er soll mit Produzenten und vor allem Star Val Kilmer dermassen aneinandergeraten sein, dass das Studio New Line reagieren musste.

Stanley wollte damals aus nächster Nähe sehen, wie das Drehdesaster bei "Dr. Moreau" nach seiner Entlassung weiterging und kehrte mit der Hilfe von viel Make-up unbemerkt als Statist auf das Set zurück. Mehr Infos gibt es in der faszinierenden Doku Lost Soul: The Doomed Journey of Richard Stanley's Island of Dr. Moreau. Stanleys Ruf war nach dem ganzen Drama ruiniert, doch fand er nun einen Weg zurück. 2019 adaptierte er H.P. Lovecrafts Kurzgeschichte "The Colour Out of Space".

Stanleys Umsetzung ist dabei ein Frontalangriff auf die Sinne und wird Lovecrafts Schaffen durchaus gerecht. Wie fest der Regisseur in der letzten halben Stunde in audiovisueller Hinsicht aus allen Rohren ballert, haut einen schlichtweg um. Als "halluzinogen" und "psychedelisch" könnte man es beschreiben, doch wird das der Wucht der Bilder nicht wirklich gerecht. Das muss man schon selbst auf der grösstmöglichen Leinwand und mit dem lautesten Sound erlebt haben. Das Ganze kommt einem so vor, als hätte sich bei Stanley in den letzten 20 Jahren viel aufgestaut und dass er dies nun alles rauslässt.

Wer aber auf Erklärungen zu dem Albtraum, der über die gezeigte Familie hineinbricht, hofft, wird enttäuscht werden. Das Fremde bleibt wie bei Lovecraft fremd und erinnert in der hier gezeigten Form an die Schreckensgestalten aus John Carpenters The Thing und Alex Garlands Annihilation. In einigen Sequenzen wirkt das Böse jedoch ein wenig beliebig, denn der Horror nimmt etwas gar unterschiedliche Formen an und scheint nicht wirklich irgendwelchen Regeln zu folgen. Unheimlich ist es trotzdem. Schade, dass einem während den zwei Stunden die Charaktere nicht wirklich ans Herz wachsen und man sich so mehr an den Effekten, anstatt an den Figuren erfreut.

Es sei jedoch gesagt, dass Color Out of Space kein Film für alle ist. Er gehört mit seinem langsamen Erzähltempo und dem Bilderrausch mehr zum Arthouse-Horror à la Mandy, in dem Nicolas Cage ebenfalls die Hauptrolle spielte. Cage darf hier wieder mit Genuss Overacting betreiben, wobei er von Stanley die Erlaubnis bekam, seine durchgeknallte Performance aus Vampire's Kiss als Vorlage zu nehmen. So wild wie im 1988er-Film spielt Cage zwar nicht, doch wie er ein Alpaka melkt und danach einen kräftigen Schluck Milch trinkt, ist halt schon sehr lustig. So ist Color out of Space ein herrliches Midnight Movie mit Schrecken und Lachern und einem apokalyptischen Finale, an welches noch lange zurückgedacht wird. Schön, dich wieder arbeiten zu sehen, Richard Stanley.

/ crs

Kommentare Total: 2

Murikov

Sackstarke Verfilmung - einer meiner liebsten Lovecraft-Filme soweit! Für Fans von Carpenter's The Thing und ähnlichen Streifen absolut zu empfehlen.

crs

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Trailer Englisch, 02:15