Cold Case Hammarskjöld (2019)

Cold Case Hammarskjöld (2019)

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  2. 128 Minuten

Filmkritik: Irgendwo in Afrika

Zurich Film Festival 2019
Er hat einen heissen Tipp.
Er hat einen heissen Tipp.

War es ein Unfall oder ein Mord? Um den Flugzeugabsturz im Kongo, bei dem 1961 der Uno-Generalsekretär Dag Hammarskjöld zu Tode kam, ranken sich seit Jahrzehnten Gerüchte und Theorien. Der Schwede Göran Björkdahl beschäftigt sich schon lange intensiv mit dem Fall - und mit ihm der dänische Filmemacher Mads Brügger. Während ihrer Nachforschungen stossen die beiden auf eine mysteriöse Organisation namens «South African Institute for Maritime Research» (SAIMR), die von einem gewissen Keith Maxwell angeführt worden sein soll.

Ob's hier wirklich Gold gibt...?
Ob's hier wirklich Gold gibt...?

Nur: Ausser einem ominösen Dokument finden sie keinerlei Beweise, dass diese Organisation jemals existiert hat, vom exzentrischen Maxwell gibt es genau ein einziges Foto. Mit akribischer Recherche schaffen sie es, Zeitzeugen ausfindig zu machen und ihnen Informationen zu entlocken, doch verlaufen sich ihre Spuren immer wieder im Sand oder sie beissen auf Granit. Zunehmend frustriert ob dem vertrackten Fall, versucht der Regisseur Brügger schliesslich, der Wahrheit mit Hilfe eines Rollenspiels auf den Grund zu kommen.

Ein Dokumentarfilm mit Twist - das Konzept kennt man noch von Three Identical Strangers, der 2018 für Furore gesorgt hat. Cold Case Hammarskjöld wandelt auf ähnlichen Spuren. Ist der Film des Dänen Mads Brügger durch seine komplizierte Erzählstruktur anfangs noch etwas mühsam anzuschauen, entwickelt er mit fortlaufender Spieldauer einen immer stärkeren Sog und wird gegen Ende schliesslich spannend wie ein Politthriller.

Bei seinen Ermittlungen handle es sich entweder um das grösste Mordätsel aller Zeiten oder die idiotischste Verschwörungstheorie der Welt. So führt Regisseur Mads Brugger in seinen Film ein. Er installiert sich darin gleich selber als Protagonist in einem investigativen Dokumentarfilm, indem er sich verkleidet und seine Erkenntnisse an zwei unterschiedlichen Orten zwei «Sekretärinnen» diktiert. Damit will der Regisseur auch die Möglichkeiten ausloten, wie er seine verworrene Geschichte am besten erzählen kann.

Im Rahmen dieser etwas komplizierten Erzählstruktur macht Brügger zwischendurch einen auf Guerilla-Dokfilmer im Michael-Moore-Stil, indem er sich selbst daran macht, das Flugzeugwrack auszugraben oder zugeknöpfte Zeitgenossen einfach mal zuhause in deren Villa aufsucht. Und weil die vielen alten Herren nicht übertrieben kamerageil sind und ausser staubigen Dokumenten auch nicht allzu viel Archivmaterial verfügbar ist, hilft er sich zwischendurch immer wieder mit animierten Sequenzen aus, um damit mögliche Handlungsverläufe nachzustellen.

Das ergibt einen ziemlich verwirrenden Stilmix, der auch etwas auf die Nerven gehen kann kann. In den ersten Minuten des Filmes wirkt Brügger wie ein Selbstdarsteller - auch hier Michael Moore nicht unähnlich, wenn auch in einer etwas intellektuelleren Variante -, der seine Inhalte absichtlich kompliziert verpackt. Doch kann sich Brügger diese exzentrische Erzählstruktur leisten, denn er hat einige Trümpfe im Ärmel, die er dramaturgisch geschickt im Verlaufe der zweiten Filmhälfte platziert.

So bringt der Film nach und nach eine irre Geschichte ans Tageslicht, die so unfassbar ist, dass es einem fast den Atem verschlägt. Da Cold Case Hammarskjöld einer derjenigen Filme ist, die man am besten ohne grosses Vorwissen schaut, soll an dieser Stelle nicht näher darauf eingegangen werden - nur so viel: Der titelgebende Todesfall ist nur die Spitze des Eisberges. Mit seinen überraschenden Wendungen und unglaublichen Enthüllungen erinnert der Film auch ein wenig an Three Identical Strangers.

Brüggers selbstironische Eingangsfrage, ob der Film nun ein Glanzstück des investigativen Journalismus ist oder ob er nur dem Reiz der knackig aufbereiteten Verschwörungstheorie erliegt, bleibt am Ende nicht zu hundert Prozent beantwortet - zumal sich die handfesten Indizien letztendlich auf die Aussagen eines Kronzeugen berufen, über dessen Integrität man sich nicht vollständig sicher sein kann. Dennoch: Cold Case Hammarskjöld wirft einen schaurigen, aber auch aufschlussreichen Blick in die Abgründe politischer Intrigen und dunkler Machenschaften in einer Schattenwelt im Afrika des 20. Jahrhunderts.

/ ebe