Citizen K (2019)

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  2. 128 Minuten

Filmkritik: Ein Oligarch in London

76. Mostra Internazionale d'Arte Cinematografica 2019
Show me the money
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Nach dem Zusammenruch der Sowjetunion schlägt für den geschäftstüchtigen Michail Chodorkowski das goldene Stündchen. Er und eine Handvoll cleverer Geschäftsmänner machen sich das wirtschaftliche Chaos, das in Russland herrscht, zu Nutze. Schnell teilen die sieben zukünftigen Oligarchen grosse Teile der russischen Wirtschaft untereinander auf. Chodorkowski übernimmt fortan die Bereiche Bankwesen und Ölförderung und wird damit zum Milliardär.

Vom Freund zum Feind
Vom Freund zum Feind

Die Oligarchen nehmen im Laufe der Neunzigerjahre zunehmend Einfluss auf die russische Politik. Sie möchten um jeden Preis verhindern, dass das Land wieder in den Sozialismus abdriftet. Sie helfen Boris Jelzin dabei, seine Machtposition zu sichern. Doch als Waldimir Putin Jelzins Nachfolge antritt, beginnt der Einfluss der Oligarchen auf die Politik zu bröckeln. Chodorkowski stellt sich gegen den Präsidenten und beginnt, die Korruption der Regierung anzuprangern. 2003 wird der Oligarch von der Regierung der Steuerhitnerziehung beschuldigt und zu einer mehrjährigen Haftstrafe in Sibirien verurteilt. Heute lebt er in London im Exil und träumt von einem poltisischen Wandel, damit er eines Tages in seine Heimat zurückkehren kann.

Alex Gibney zeigt in seiner Dokumentation die Gefahren auf, die sich hinter dem engen Zusammenspiel von Politik und Wirtschaft verbergen. In exklusiven Interviews erzählt Michail Chodorkowski von seinem eigenen Aufstieg und Fall. Verknüpft mit weiteren Interviews sowie Archivmaterial, bietet Gibneys Film eine krimiartige Geschichtsstunde. Zwar enthüllt Citizen K keine neuen Informationen, aber das Gezeigte ist über weite Strecken spannend genug, um das Interesse der Zuschauer zu halten.

Regisseur Alex Gibney (u.a. The Armstrong Lie, We Steal Secrets: The Story of WikiLeaks) erzählt seine Dokumentation primär aus Chodorkowski-Sicht. Offizielle Vertreter der russischen Regierung kommen beispielsweise nicht zu Wort. Chodorkowski wird in dem Film aber keineswegs als Heiliger präsentiert. Gibney zeigt klar, dass der Ex-Oligarch über lange Zeit ein System ausnutzte, das von Korruption und Ungerechtigkeit geprägt ist. Diese Zeit wird im Film treffend als "Wild West Capitalism" bezeichnet. Chodorkowski, der eine sympathische Cleverness ausstrahlt, hat keine Vorbehalte, frei über seine Vergangenheit zu sprechen. Das meiste ist ohnehin öffentlich bekannt.

In hochwertigen Bildern gepaart mit Archivmaterial erzählt Citizen K Chodorkowskis Geschichte chronologisch nach. Der Fokus liegt dabei allein auf den wirtschaftlichen und politischen Ereignissen in seinem Leben. Die weiteren Interviewpartner - darunter Derk Sauer, Gründer der «Moscow Times», und Martin Sixsmith, Auslandskorrespondent der BBC (1987-1996) - betten diese Ereignisse in den historischen Kontext ein. Obwohl sich die Dokumentation zum Ende hin etwas zieht, fasst sie die Ereignisse der letzten 30 Jahre gekonnt zusammen. Eindrücklich vermittelt Citizen K, wie gefährlich die Nähe von Politik und Wirtschaft für jede Demokratie sein kann, und wie schnell sich scheinbar gesetzte Systeme kippen lassen.

Michail Chodorkowski gehört heute zu den bekanntesten Kritikern Wladimir Putins. Heute widmet er sich primär der Aufgabe, über die politische Situation in Russland aufzuklären. Wie er diese Arbeit finanziert? Er verfüge auch heute noch über mehr als 400 Millionen Dollar Vermögen, gibt der Ex-Oligarch mit einem schelmischen Grinsen zu. Wie ihm das gelungen ist? Diese Frage bleibt leider unbeantwortet.

/ swo