Chasing Dream - Chihuo Quan Wang (2019)

Chasing Dream - Chihuo Quan Wang (2019)

  1. 118 Minuten

Filmkritik: Singend und schreiend ins Glück

NIFFF 2020
Singen um jeden Preis
Singen um jeden Preis © NIFFF

Tigers (Jacky Heung) und Cuckoos (Wenwen Yu) Wege kreuzen sich zufällig. Tiger ist ein professioneller MMA-Kämpfer. Cuckoo arbeitet als Nummerngirl und Anheizerin bei den Kämpfen, um über die Runden zu kommen. Im Grunde wollen aber beide etwas ganz anderes aus ihrem Leben machen. Zögerlich schafft es Cuckoo, Tiger davon zu überzeugen, ihr bei der Erfüllung ihres Traumes zu helfen. Sie möchte als Sängerin mit ihren eigenen Liedern erfolgreich sein und muss sich zuerst bei der Talentshow fürs Fernsehen qualifizieren.

Tigers Arzt empfiehlt ihm dringend, mit dem Kampfsport aufzuhören, weil seine Leber lädiert ist und er blind zu werden droht. Dies sieht Tiger als eindeutiges Zeichen, um endlich das Projekt einer eigenen Garküche zu verwirklichen. Auf allen Seiten macht man ihm aber Druck, damit er weitermacht. Die zärtliche Romanze mit Cuckoo lässt ihn erkennen, was im Leben wirklich wichtig ist und wofür es sich zu kämpfen lohnt.

Die Mischung aus Kampfsportfilm, Musical, Liebesdrama und Mediensatire von Johnnie To ist leider sehr uneinheitlich ausgefallen. Genres miteinander zu verbinden, gehört zu einem seiner Markenzeichen, doch hier hat man es mit einem der weniger anspruchsvollen Werke zu tun. Viel zu lang und zu ausführlich sind die dargebotenen Kampfszenen, sie entbehren zudem jeglicher Originalität und sind stattdessen sensationalistisch brutal. Sehenswert ist aber der Teil, in dem sich To über das Musik- und Showgeschäft lustig macht. Äusserst unterhaltsam parodiert er Fernsehtalentshows, wie sie mit «American Idol» ihren Ursprung hatten.

Mehr als sonst fällt in diesem Film von Johnnie To das Kulissenhafte des Studiodrehs auf. Die Ausleuchtung und Ausstattung des Sets wirken steril und auf ein Minimum heruntergefahren. Fahren die Protagonisten im Wagen, sieht man die Landschaft im Hintergrund verschwommen.

Verhältnismässig lange musste man auf das neue Werk des Regisseurs warten. Bis 2016 hat er durchschnittlich drei Spielfilme im Jahr herausgebracht, dazwischen liegt nun also eine mehrjährige Pause. Über die Gründe kursieren verschiedene Gerüchte, die politische Unstimmigkeiten oder etwa eine Krankheit des Regisseurs beinhalten. Wie dem auch sei, Chasing Dream wirkt ein bisschen wie ein Flickwerk aus verschiedenen Ideen, in Teilen wenig inspiriert.

Die Leistung der Schauspieler fällt aber qualitativ nicht ab und ist einer der Gründe, wieso der Film trotzdem sehenswert ist. Beide Hauptfiguren sind ausgesprochene Sympathieträger. Vor allem Tiger spielt Jacky Heung mit viel Charisma, einem mitreissendem Lachen und einer eindrücklichen körperlichen Präsenz. Insgesamt ist die Charakterzeichnung nicht sehr vielschichtig, genauso wenig wie die Handlung des Films. Doch das scheint auch nicht das Ziel gewesen zu sein. Vielmehr ging es um kurzweilige Unterhaltung - und die bekommt man.

Im Wesentlichen verfällt der Film in zwei Teile: zum einen die ausgedehnten brutalen Kampfszenen ohne grossen Mehrwert und wenig originell, zum anderen alles, was zur Talentshow im Fernsehen gehört. In letzterem steckt mehr Potential, als To in seinem Film ausgeschöpft hat. Seine Mediensatire hätte noch schärfer ausfallen können, wenn er den Stoff gestraffter und konzentriert inszeniert hätte. Dennoch sind verschiedene sehr amüsante Einzeleinfälle umgesetzt worden. Jeder, der schon einmal eine solche Talentshow gesehen hat, wird sich damit identifizieren können. Und um ehrlich zu sein, so sehr übertrieben wirkt im Endeffekt die Fiktion gar nicht. Da ist zum Beispiel eine Teilnehmerin der Show, die nach jeder Sendung mit einem anderen Gebrechen auftaucht. Für die Musik hat sie sich die Hüfte geprellt, den Hals verdreht und die Beine gebrochen. Und immer steht sie doch dort, denn für den Erfolg lohnt sich jedes Opfer.

Herrlich exaltiert, bunt und schrill zeigt sich der Film an diesen Stellen. Schade ist, dass Cuckoo zwar chinesischsprachige Lieder singt, aber als Vorbilder für ihren Stil nur US-amerikanische Künstler zum Vergleich herangezogen werden: Rihanna, Madonna oder Lady Gaga. Dies ist ein zusätzlicher Hinweis für die kommerzielle Ausrichtung des Films. Mit Sicherheit wird Chasing Dream nicht als einer der Höhepunkte in Johnnie Tos Karriere eingehen. Es bleibt die Hoffnung, dass sein nächstes Projekt wieder einen grösseren Anspruch bedienen wird.

Teresa Vena [ter]

Alles begann bei Teresa damit, dass sie, noch viel zu jung dafür, ihren Vater überzeugen konnte, «Gremlins» im Fernsehen schauen zu dürfen. Seitdem gehört absurder Humor und Spannung zu jedem guten Film dazu. Kino aus Asien und Lateinamerika, aber auch aus der Schweiz sind ihre Steckenpferde.

  1. Artikel
  2. Profil
  3. facebook
  4. Website