Camino Skies (2019)

Camino Skies (2019)

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  2. 80 Minuten

Filmkritik: Let it go in Santiago

16. Zurich Film Festival 2020
«Oh happy day!»
«Oh happy day!» © Ascot Elite Entertainment Group. All Rights Reserved.

Sue Morris weint. Doch noch. Lange genug hat sie, um nicht in Tränen auszubrechen, ihre Schmerzen mit einem Lachen abgetan. Doch nach 420 Kilometern Fussmarsch wird die 70-Jährige von ihren Knochenleiden übermannt. An ein Weitergehen ist vorerst nicht zu denken. Ihre Begleiter auf dem Camino de Santiago, dem Jakobsweg, ermuntern sie: «You're an inspiration, Sue. You're Amazing!» Sie schaut auf. Ihre Augen funkeln, als sie an die restlichen 380 Kilometer denkt.

Hier wird man lieber in als auf den Arm genommen.
Hier wird man lieber in als auf den Arm genommen. © Ascot Elite Entertainment Group. All Rights Reserved.

Die Hauptroute des Jakobsweg zwischen Saint-Jean-Pied-de-Port und Santiago de Compostela wird jährlich von gut einer Viertelmillion Pilgerinnen und Pilgern betreten. Etwa 25 Kilometer täglich gehen die Menschen hier, manchmal in Gruppen, manchmal alleine. Religiöses Wachstum, mentale Stärkung oder Heilung der Gebrechen erhoffen sie sich von dieser Wallfahrt. Einige von ihnen tragen immens schweren Ballast, den sie hier abwerfen wollen.

Bis auf wenige, äusserst berührende Momente und ein, zwei flotte Sprüche bleibt dieses dokumentarische Roadmovie unspektakulär. Man sei befreit auf dem Camino de Santiago, äussert einer, und diese Stimmung fängt der Film ziemlich gut ein. Leider wird er dadurch zu seicht. Vielleicht liegt es ja daran, dass hier in etwa die gleiche Menge an Alkohol wie Tränen fliesst.

«Good vibes only» scheint gleichsam das Motto dieses Wanderfilms zu sein. Man therapiert sich gegenseitig, hilft sich aus, tröstet sich. Der Kameradschaftsgeist und die schönen Wiedersehen werden unablässig betont, genauso wie des Camino als Metapher des Lebens.

Wenngleich die hier porträtierten Pilgerinnen und Pilger durchaus schwere Ereignisse zu verarbeiten haben, kommt der Jakobsweg aber bisweilen mehr wie eine Party-Meile denn eine Selbstfindungsstrecke daher. Bier und Shots sind an der Tagesordnung, zwischendurch liegt auch mal ein Besuch in der Disco oder beim Friseur drin. Nun, der Weg ist ja das Ziel, und wenn man noch irgendwo bis zum Kern dieser überstrapazierten Weisheit vorstossen kann, dann hier - sollte man meinen, doch so weit geht der Film nicht.

Grösstenteils erwartet einen hier eher ein durchschnittlicher Video-Blog, in dem sich alles um die Schicksale der Reisenden dreht. Die hat man aber bald einmal begriffen und werden auch durch mehrmaliges Erzählen nicht stärker erlebbar. Es dominieren den Marsch der Pilger zudem weitgehend der lebhafte, teilweise hektische Schnitt und die aufmunternde Musik. Auch entsteht bisweilen der Eindruck, als hätten die Macher Angst vor der Schwere oder sparten sie für wenige, ausgewählte Szenen auf, die dann aber durch die bisweilen flapsig wirkende Inszenierung leicht verwässert werden. Dass es aber auch intensiv kann, beweist das Regie-Duo Fergus Grady/Noel Smyth mit dem Epilog.

Bis dorthin ist es aber ein einförmiger Weg. Land und Leute entlang des Camino lernt man nicht kennen, ebenso wenig erfährt man über das Phänomen Jakobsweg oder dessen Geschichte. Auch die religiöse Komponente findet nur sehr wenig Raum. «Wir gehen hier alle unseren eigenen Jakobsweg», stellt ein Pilger fest. Der Zuschauer indes ist dann mal weg.

Tom von Arx [arx]

Für OutNow schaut Tom seit 2015 Filme und detektiert seit 2019 Stilblüten und Vertipper. Der Profi-Sprecher und überzeugte Hufflepuff lässt sich gerne bei sublim konstruierten Psycho-Thrillern vom metaphysischen Gruseln packen und wünscht sich eine tierleidfreie Welt voller biggest little farms.

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