Corpus Christi - Boze Cialo (2019)

Corpus Christi - Boze Cialo (2019)

  1. 115 Minuten

Filmkritik: Vom Szaweł zum Paweł

«Let meeeee entertain you!»
«Let meeeee entertain you!» © Xenix

Daniel (Bartosz Bielenia) verlässt den Jugendknast mit gemischten Gefühlen. Einerseits ist er gottenfroh, von diesem Ort des Grauens wegzukommen, andererseits bekommt es dem Warschauer Jungen überhaupt nicht, sich in einem Sägewerk auf dem Land bewähren zu müssen. Viel lieber wäre er Priester, doch seine neu erlangte aufrichtige Frömmigkeit und Tugendhaftigkeit helfen ihm nicht mehr, denn das Priesterseminar nimmt keine Schüler mit zwielichtigem Hintergrund auf. Erst recht dann nicht, wenn man wie Daniel wegen «so ... Sachen» eingesessen hat.

An der Gelbsucht erkrankt?
An der Gelbsucht erkrankt? © Xenix

So sucht er, als er das Kaff erreicht, nicht den Meister des Sägewerks auf, sondern Gott. In der Kirche begegnet er der jungen Eliza (Eliza Rycembel), der sogleich klar ist, mit was für einem Burschen sie es zu tun hat. Als sie ihn darauf anspricht, wehrt er ab. Er komme nicht vom Sägewerk, er sei Priester Tomasz. Ehe er sich's versieht, sitzt Daniel in der Stube des kranken Dorfpriesters und wird als dessen Stellvertreter eingestellt. Nun lastet eine hohe Verantwortung auf seinen Schultern, denn seine Gemeinde ist gerade dabei, eine Tragödie zu verarbeiten. Dabei vertraut sie sich Gottes helfender Hand an und diese hat auch Daniel bald dringend nötig.

Dieses emotional herausforderne Drama debattiert die im erzkatholischen Polen dringenden Fragen nicht nur betreffend der Religion, sondern auch des Zusammenlebens im Generellen. Dabei geht Corpus Christi um einiges konziser zu Werke als mit seiner Erzählung. Die opulent inszenierte Kälte und die bisweilen pathetisch aufgeladenen Storyelemente machen das Ganze aber eher schwer verdaulich.

Hier sollte man sich warm anziehen. Als liesse einen die düstere Stimmung nicht schon erschauern, schwebt man während gut zwei Stunden durch eiskalte Bilder. Alle Wärme scheint ausgesaugt zu sein, man friert förmlich bei jeder Szene. Regisseur Jan Komasa zeichnet sein Heimatland streng, brutal und trostlos. Wenn dann noch Daniel alias Priester Tomasz wie ein Mondsüchtiger die hochgehaltene Hostie anstarrt, verleiht das der Bildsprache einen horrorhaft expressiven Akzent. Doch so kalt es auch in diesem Dorf ist, die Begebenheiten, die sich darin abspielen, lassen einen nicht kalt.

In diesem Umfeld, in der jeder sich selbst am nächsten ist, soll ein Stadtjunge mit krimineller Vergangenheit das Feuer der Hoffnung und der Nächstenliebe entfachen. Eine gewagte Angelegenheit, die aber glaubwürdig umgesetzt ist. Denn hier wird kein Thema ihres düsteren Potenzials wegen aus der Mottenkiste geholt, sondern eine Debatte aufgegriffen, die in Polen, einem hochgradig katholischen Land, äusserst aktuell ist. Während die politisch arrivierten Herrschaften unlängst über eine Verschärfung des Abtreibungsgesetztes debattierten, verliert die Institution Kirche Halt bei den Jungen. Soziologen stellen fest, dass Polen eine «Entkirchlichung» durchlebe, allerdings ohne dabei vom Glauben abzufallen.

Bald wird auch hier klar, dass es um mehr geht als nur trockene Theologie. Priester Tomasz holt die Menschen aus ihren Floskeln heraus, treibt sie «dahin, wo kein Gebet hinreicht». Der Generation-Gap zwischen denen, die sich zunehmend blindlings Gott anvertrauen («Gott wird es richten», «Es war Gottes Plan») und den Jugendlichen, die sich zugegebenermassen mehr nach einem Life-Coach als einem klassischen Priester sehnen, wird hier aufgezeigt und zugleich überbrückt. Priester Tomasz' Figur des modernen polnischen Pop-Pontifex im kleinen Rahmen dürfte spätestens dann, wenn er ganz unverwegen das Zölibat als Akt exegetischer Willkür verwirft, durchaus Assoziationen wecken zu Johannes a Lasco, Polens wichtigstem Reformator, der als erster hoher katholischer Geistlicher des Landes offen mit der zentralen Tradition der verpflichtenden Ehelosigkeit gebrochen hatte. Wie nebenbei reisst Priester Tomasz dabei eine Debatte an über Macht und Recht sowie Sünde und Vergebung. Und das fern allen katholischen Pathos.

Solch zielgerichteten Enthusiasmus hätte man sich auch bei der Story gewünscht. Klischees und zwielichtige Widerlichkeiten bieten sich freilich an allen Ecken und Enden an - und Corpus Christi schlachtet sie aus. Dadurch gerät das Ganze etwas zu lang und gewisse Passagen werden reichlich holprig. Vollgepackt, aber nicht zwingend überladen wirkt die Geschichte dennoch, weil die Macher es schaffen, die vielen Spannungsbögen im Timing wie auch in ihrem narrativen Gefüge gut aufeinander abzustimmen. Dass man aber bisweilen schwer an diesem Kreuz zu tragen hat, davon kann sie nicht ablenken.

Tom von Arx [arx]

Für OutNow schaut Tom seit 2015 Filme und detektiert seit 2019 Stilblüten und Vertipper. Der Profi-Sprecher und überzeugte Hufflepuff lässt sich gerne bei sublim konstruierten Psycho-Thrillern vom metaphysischen Gruseln packen und wünscht sich eine tierleidfreie Welt voller biggest little farms.

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