Born in China (2019)

Filmkritik: Population War

Zurich Film Festival 2019
Street-Art-Propaganda
Street-Art-Propaganda

Die Ein-Kind-Politik war ein Projekt zur Kontrolle des Bevölkerungswachstums in China, die 1979 auf Provinzebene und ein Jahr später im ganzen Land eingeführt wurde. Trotz vielen Ausnahmen waren die Regeln strikt und besagten, dass jede Familie nur noch ein Kind bekommen durfte. Die Gründe für diese radikale Politik waren Angst vor Hungersnöten und der Zusammenbruch der Wirtschaft. Die Volksrepublik China ging dabei knallhart vor und bestrafte Eheleute, die sich nicht daran hielten, mit Geldstrafen und Sanktionen. Viele Frauen mussten ihre Babys abtreiben und wurden zwangssterilisiert.

Die Vorzeigefamilie
Die Vorzeigefamilie

Doku-Regisseurin Nanfu Wang, die gerade ihr erstes Kind zur Welt gebracht hat, ist in der Zeit in China aufgewachsen, als die Ein-Kind-Politik ein- und durchgeführt wurde. Sie wurde mit Propaganda überflutet und hat sich dazumal kaum Gedanken zum Thema gemacht. Als frischgebackene Mama geht sie dieser brutalen Politik auf den Grund und zeigt die Folgen auf, die das Projekt mit sich brachte.

Born in China ist die etwas einseitige, aber eindrückliche und mit gewissen Interviews und Bildern schwer verdauliche Dokumentation über die Ein-Kind-Politik in China. Nanfu Wang, die zusammen mit Zhang Lynn Regie führte und als Kind die Durchführung der neuen Gesetze am eigenen Leib miterlebt hat, zeigt auf, wie sehr die Menschen, allen voran Kinder und Frauen, davon betroffen waren, wie sehr ihnen geschadet wurde und wie sehr die Volksrepublik die Bevölkerung im Griff hatte.

In China wurde 1979 mit der Einführung der Ein-Kind-Politik ein Krieg gegen die eigene Bevölkerung losgetreten. Die kommunistische Partei stellte strikte Regeln und Gesetze auf, in denen Familien grundsätzlich untersagt wurde, mehr als ein Kind zu bekommen. Nanfu Wang und Zhang Lynn nehmen diesen politischen Angriff auf die Menschlichkeit in Born in China unter die Lupe, geben dabei dem Volk eine Stimme, vergessen aber wichtige Fakten offenzulegen. Ob die durchgesetzte Politik dem Land im Endeffekt geholfen hat oder nicht, wird in der Doku leider nicht ausdiskutiert.

Wang beschäftigt sich mehr mit den strikten und brutalen Umsetzungsmethoden der Partei. Neben aufdringlicher Propaganda an jeder Ecke wurden Frauen zwangssterilisiert, Kinder ausgesetzt oder gar im achten oder neunten Monat abgetrieben. Zudem hat man sich mit illegalen Adoptionen eine goldene Nase verdient. Wang interviewt Ärzte und Hebammen, die die schlimmen Prozedere durchführten, Frauen, deren Kinder weggenommen wurden und andere Opfer der Ein-Kind-Politik. Sie stellt die richtigen Fragen und schafft es aufzuzeigen, dass die Bevölkerung gar nie eine andere Wahl hatte, als sich auf das Projekt einzulassen. Viele Chinesen sind aber auch heute noch der Meinung, dass es ohne diese radikale Politik dem Land heute viel schlechter gehen würde.

In Verbindung mit der konfuzianischen Tradition, die männliche Erblinie zu erhalten und so den Familiennamen weiterzutragen, wünschten sich viele Familien einen Jungen, was zu einem Ungleichgewicht von Jungen und Mädchen führte. Dazu kam, dass Mädchen öfter abgetrieben, ausgesetzt oder schlechter behandelt wurden. Viele ausgesetzten Babys wurden an Waisenhäuser verkauft, die diese zur Adoption freigaben. Es gab sogar Fälle, in denen der Staat direkt involviert war und die Kinder den Eltern weggenommen hatte. Kinder, die als Waisen bei Adoptiveltern landen und keine Ahnung haben, dass ihre richtige Familie in China noch lebt. Hier verliert Born in China aber etwas den Fokus und geht am Ende dramaturgisch auch nicht wie gewünscht auf.

Trotzdem gehen Nanfu Wang und Zhang Lynn mit China und seiner zu Marionetten heruntergestuften Bevölkerung hart ins Gericht. In Born in China werden Bilder von toten Babys in Müllsäcken gezeigt; Szenen, die Wut und Trauer auslösen und überdeutlich zeigen, dass es gar keine Rolle spielt, ob die Politik gerechtfertigt war oder nicht. Die Umsetzung war es auf keinen Fall.

/ yan