Der Boden unter den Füssen (2019)

Der Boden unter den Füssen (2019)

Oder: Wenn Stärke auf Schwäche trifft

Ein Bild aus jedem zweiten Horrorfilm

Ein Bild aus jedem zweiten Horrorfilm

Lola (Valerie Pachner) kommt aus Wien, arbeitet aber fast nur im Ausland. Mit ihren knapp 30 Jahren ist sie eine äusserst erfolgreiche Unternehmensberaterin, ohne Mann oder Kind, ohne Eltern. Sie lebt für ihre Arbeit, eine 100-Stunden-Woche ist keine Seltenheit. Sie macht exzessiv Sport und führt eine sexuelle Beziehung zu ihrer Chefin Elise (Mavie Hörbiger). Ihr Leben findet in Hotelzimmern oder Büroräumen statt, ihre schicke Wohnung sieht sie nur selten. Gemeinsam mit ihrem Team unterstützt sie bei dem aktuellen Projekt in Rostock ein Unternehmen vor der Insolvenz.

Ein Bild aus jedem dritten Horrorfilm

Ein Bild aus jedem dritten Horrorfilm

Die Arbeit fordert ihre Kraft und Präsenz vor Ort beim Kunden. So sehr Lola für ihren Job und ihre Karriere lebt, kann sie ihr gut gehütetes privates Geheimnis irgendwann nicht mehr aufrecht halten: die Existenz ihrer älteren Schwester Conny (Pia Herzegger). Diese leidet schon lange an psychischen Störungen. Als Conny einen Selbstmordversuch unternimmt, wird Lola informiert. Conny ruft sie fortan ständig an, bittet um Hilfe, und Lolas durchorganisiertes Leben gerät allmählich aus dem Konzept.


Film-Rating

Der Boden unter den Füssen von Marie Kreutzer ist ein Drama und zugleich Studie der heutigen Gesellschaft. Zwei Schwestern stehen im Fokus, die eine erfolgreich im Job, die andere psychisch gestört und labil. Beide Welten prallen aufeinander und fordern der einen Seite alles ab. Gewohnheiten und durchgeplantes Arbeitsleben geraten aus den Fugen. Dabei bedient sich der Film leider Stereotypen und lässt zu viel offen.


Perfekt sein ist im heutigen Berufsleben quasi unabdingbar. Keiner möchte seine Schwächen zeigen, man will bestmöglichste Arbeit abliefern und bei seinen Kollegen nur gut dastehen. Doch wie anstrengend solch eine Fassade sein kann, wird in Marie Kreutzers Film deutlich.

Unternehmensberater stehen für viel Arbeit, für Karriere, Geld und Ansehen. Aber auch für wenig soziale Kontakte. Man kennt sie geschniegelt in tristen Anzügen oder Kostümen, ständig auf Meetings oder am Reisen. Diese charakteristischen Bilder finden sich auch in Kreutzers Film wieder: graue Büroräume, graue Kleidung, triste Hotelzimmer, belanglose Erfolgsfeiern mit den Kollegen. Farbe oder echte Freude findet sich hier kaum. Alles ist durchorganisiert und strebt nach Erfolg. Viele Bilder des Films werden wohl der Realität entsprechen.

Dem gegenüber steht Connys Welt, die Welt von Tabletten, Planlosigkeit, Krankenhaus und Ängsten. Diese Welt ist zwar auch blass und trist, enthält trotzdem aber wesentlich mehr Leben. Hier ist nichts organisiert oder überlegt. Schwäche und Kontrollverlust stehen im Vordergrund. Kreutzer vermag es gekonnt, diese beiden Welten aufeinanderprallen und nach und nach verschmelzen zu lassen. Die Kontrolle, die Lola anfangs noch über die Besuche bei ihrer Schwester hat, beginnt mit der Zeit nachzulassen.

Mit den häufigen Anrufen Connys gerät Lolas Leben zunehmend aus den Fugen. Die ständig geforderte Aufmerksamkeit, nicht nur im Job, sondern plötzlich auch im Privaten, rütteln an ihrer Fassade. Man fragt sich, ob sie sich die zahlreichen Anrufe ihrer Schwester nur einbildet, ob sie selbst psychisch überfordert ist, ob Lola selbst vielleicht eine Veranlagung für die Krankheit hat. Sie selbst, aber auch der Zuschauer weiss irgendwann nicht mehr, was Realität ist und was sich nur in ihrem Kopf abspielt. Auch wenn es hier keine befriedigende Auflösung gibt, ist es ein gelungener Twist der Geschichte. Der Regisseurin und ihren Darstellern gelingen glaubhafte Darstellungen, immer wieder überrascht der Film mit Tonfall- und Blickwechseln.

Der Boden unter den Füssen entwirft ein Bild der heutigen Leistungsgesellschaft, deren durchgeplante Welt auch nicht gegen alles geschützt ist. Mit starken Darstellerinnen, die in ihren Rollen überzeugen, und einem interessant angelegten Gegensatz zweier Schwestern kann das Drama überzeugen. Leider bietet es wenig neue Einsichten in Stereotype und lässt einiges unbeantwortet.


OutNow.CH:

Bewertung: 3.0

 

11.02.2019 / jst

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Bewertung: 3.0 (2 Bewertungen)

 

 

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