Blackbird (2019/I)

Filmkritik: Lilys Entscheidung

Zurich Film Festival 2019
Trügerische Idylle
Trügerische Idylle

Lily (Susan Sarandon) hat sich entschieden: Sie möchte ihrem Leben ein Ende setzen. Die Mutter zweier erwachsener Töchter ist unheilbar krank und möchte selbstbestimmt aus dem Leben scheiden. Kurz vor dem geplanten Datum reisen die beiden Töchter Jennifer (Kate Winslet) und Anna (Mia Wasikowska) mit ihren Familien an. Allerdings sorgen ungeklärte familiäre Schwierigkeiten, das Zusammensein auf engstem Raum und der endgültige Abschied von der Mutter für viel Zündstoff.

Alle Figuren finden sich plötzlich in einem Wechselbad der Gefühle wieder. Auf ein peinliches Schweigen zu Beginn folgt höfliches, oberflächliches Geplänkel. Bis der Ton teilweise rauer wird und passiv-aggressive Bemerkungen sich zu offen ausgetragenen Konflikten entwickeln. Denn jeder von ihnen hat sein Päckchen zu tragen. Die eigentliche Tatsache hängt wie ein Damoklesschwert über der ganzen Situation und niemand wagt es, sie auszusprechen: Am Ende dieser Zusammenkunft wird Lily aus freien Stücken nicht mehr unter ihnen weilen.

Es ist kein einfaches Unterfangen, ein solch umstrittenes wie auch schwieriges Thema umzusetzen. Doch Regisseur Roger Michell gelingt es gut, zwischen den unterschiedlichen Emotionen die Balance zu halten. Freude, Wut, Trauer und Schmerz wechseln sich ab und lassen die Figuren überaus lebensnah und menschlich erscheinen.

Blackbird ist das Remake des dänischen Familiendramas Silent Heart. Regisseur Roger Michells Neuauflage wartet mit einer hochkarätigen Besetzung auf, die als Ensemble sehr gut miteinander harmoniert. Als Kammerspiel inszeniert, bietet der Film den Schauspielerinnen und Schauspielern viel Raum zur Entfaltung und Ergründung der unterschiedlichen Gefühle. Das nuancierte Spiel aller Beteiligten bewahrt den Film auch davor, sich in Sentimentalität zu verlieren. Besonders Susan Sarandons starke Verkörperung der Lily überzeugt und vereinfacht die Interaktion der anderen Figuren zu ihr. Lilys trockener und bisweilen schwarzer Humor mag ihre Familie manchmal schockieren, doch sie trägt ungemein dazu bei, der Geschichte die Schwere zu nehmen.

Nur an vereinzelten Stellen schwächelt die Geschichte etwas. Das ist insbesondere der Fall, wenn Lilys Entscheidung hinterfragt wird. Lilys Ehemann Paul (Sam Neill) ist dadurch gezwungen, ihr Vorhaben zu rechtfertigen und den genauen Ablauf zu erklären. Oftmals wirkt es dann so, als ob auch die Zuschauer mitbelehrt und vor allem überzeugt werden sollen. Diese Rechtfertigungsversuche irritieren umso mehr, weil die übrigen Dialoge sehr gut aufeinander abgestimmt sind. So wird die ganze Thematik grösstenteils nur über die Interaktion zwischen den Figuren ans Publikum herangetragen. Auf jeden Fall wird deutlich, auf welcher Seite dieser Debatte sich der Film positioniert.

Blackbird ist bestimmt keine leichte Kost und auch nicht allzu leicht zugänglich. Lässt man sich darauf ein, erlebt man einen handwerklich solide gemachten Film mit einer Bandbreite von Gefühlen und einem Ensemble, bei dem die Chemie stimmt.

/ sul