Der Bär in mir (2019)

Der Bär in mir (2019)

  1. 92 Minuten

Filmkritik: Auf Du und Du mit Meister Petz

«Baby, let me be your Teddy Bear!»
«Baby, let me be your Teddy Bear!»

David Bittner sitzt auf einer Wiese inmitten des unberührten Alaska. Im Hintergrund türmen sich die Berge, ein seichter Fluss mäandriert sich durch die karg begrünte Landschaft. Die idyllische Stille wird nur von einem Knabbern durchbrochen. Einen halben Meter neben Bittner rupft die Grizzlybärin Luna Gras aus. Offenbar hat sie Verdauungsprobleme. «Ja, Luna, hast du gefurzt?», säuselt ihr menschlicher Begleiter. Als würde er eine Hauskatze streicheln, liebkost Bittner sie mit seinen Worten: «You're a good girl!»

Probiers mal mit Hakuna Matata!
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Die Nähe der Bären zu erleben ist das Non-Plus-Ultra in Bittners Dasein und dafür nimmt er einige Entbehrungen auf sich. Jährlich reist er für drei Monate in die «noch einzig echte Wildnis der USA», um nach seinen Bärenfreunden zu sehen. Er campiert ganz in ihrer Nähe, geschützt nur von einem elektrischen Schafszaun. Als er sich in seinem Zelt zur Ruhe bettet, schnaubt einige Meter entfernt ein Bär. «Gute Nacht, Luna!», ruft Bittner. Und für einen kurzen Moment fragt auch er sich aller Faszination zum Trotz, ob es wirklich richtig sei, mit den Raubtieren fast auf Tuchfühlung zu gehen.

Statt archaischem Selbstfindungstrip mit kulturanthropologischem Einschlag erwartet einen hier ein etwas zu langes, zu egozentrisches und verkitschtes Ferientagebuch. Als solches funktioniert diese Exkursion nach Nordamerika ganz passabel. Von seinem Titel sollte man sich aber nicht in die Irre leiten lassen, denn so wenig man den inneren Bär der Protagonisten ausfindig machen kann, so wenig weckt es den eigenen.

Er will wissen, was mit ihm passiert, wenn er dem Bären auf Augenhöhe begegnet. Regisseur, Produzent und Kameramann Roman Droux reist deshalb mit dem bärenerprobten Biologen David Bittner nach Alaska - an einen Ort, der nur per Luftweg zu erreichen ist. Ein Hauch von Jurassic Park macht sich breit, als sie über die Landschaft fliegen. Damit hat sichs dann auch fast mit an Spannung erzeugenden Momenten, denn was nun folgt, ist eine Aneinanderreihung von Bären-Begegnungen, bei denen man Bittner hauptsächlich neben den braunen Säugern sitzen, sie angrinsen und bestaunen sieht.

Droux rückt allmählich in den Hintergrund. Marcus Signer (Der Goalie bin ig) als brummstimmiger Erzähler gibt an dessen statt immer mal wieder einen Hosenscheisser-Kommentar ab. Das mag publikumswirksam sein, konterkariert allerdings den Eindruck, den der Experte Bittner in seinem beneidenswert versierten Umgang mit den Wildtieren hinterlässt. Von Beginn weg unerschrocken - oder ist er einfach naiv? - gibt er sich den neugierigen Bären hin. Diese Nähe zwischen Mensch und Tier verblüfft, ja wirkt wie eine Montage. Sie nützt sich dann aber hinsichtlich ihres Wow-Faktors ab, zumal sich die Bären in keiner der vielen Situationen von der menschlichen Präsenz auch nur ein bisschen beeindruckt zeigen.

Je länger der Film dauert, desto tiefer versinkt Bittner in seiner Traumwelt. Es geht nun um seinen «Lieblings-Bären» Balu, Bruno «den Big Boss der Lagune» oder um eine «allersüsseste Bärenfamilie»; Bittner verbreitet grosszügig Teddy-Feeling. Angesteckt wird man davon aber nicht wirklich. Trotz freilich schönen (und manchmal beeindruckenden) Bildern kitzelt dieser dokumentarisch angehauchte Ferienbericht an keiner Grenze und hinterlässt keinen bleibenden Eindruck - übrigens ganz im Gegensatz zum Logo des Outdoor-Ausrüsters dieses TRANSAtlantischen Abenteuers, das einem in jeder nur erdenklichen Situation aufs Auge gedrückt wird.

Kaum entstehen Ansätze von Tiefe oder kritischem Nachdenken, werden diese umgehend erstickt. Starke Momente gibt es zwar, diese fallen aber gegenüber den sorgenfreien, fast schon kindlich vorgetragenen Schwärmereien Bittners ab. Diskussionen und Ambivalenzen werden so gut es geht vermieden, dafür werden Binsenwahrheiten über die Naturfilmerei zum Besten gegeben. «Gleichzeitig weiss man, dass es nicht richtig ist, hier ins Geschehen einzugreifen», lässt Droux seinen Wunsch kommentieren, einen verletzten Bären mit ins Lager zu nehmen. Dass die beiden Expeditionsteinehmer mit ihrem Eindringen in deren Habitat bereits ihre Unschuld verloren haben, scheinen sie leider nicht zu bemerken.

/ arx

Trailer Schweizerdeutsch, 02:12