Babyteeth (2019)

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Filmkritik: Wenn der Junkie die erste Geige spielt

76. Mostra Internazionale d'Arte Cinematografica 2019
Sagt Hallo zu meinem Freund.
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Die schwer an Krebs erkrankte australische Teenagerin Milla (Eliza Scanlen) findet kaum noch Kraft ihren Kampf gegen die Krankheit weiterzuführen. Als sie auf den herumlungernden Junkie Moses (Toby Wallace) trifft, der ihr durch sein "Wild-Dog"-Verhalten sofort sympathisch ist und ihn daraufhin besser kennenlernt, bekommt sie ihre Lebenslust durch die neu gewonnenen Glücksgefühle Schritt für Schritt zurück. Für Millas Eltern (Ben Mendelsohn und Essie Davis) ist das Fluch und Segen zugleich.

"...und so haben wir uns kennengelernt."
"...und so haben wir uns kennengelernt."

Dass von der Krankheit ihrer Tochter gezeichnete Ehepaar ist alles andere als begeistert, als Mila ihnen Moses zum ersten Mal vorstellt. Wer kann es ihnen verübeln; der ungepflegte, arbeitslose und tablettensüchtige Obdachlose ist wahrlich kein Schwiegereltern-Traum. Doch mit der Zeit fällt auch den Eltern auf, dass der 23-Jährige ihrer kranken Tochter sichtlich gut tut. Da pfeift man dann auch gerne auf die traditionellen Erziehungsmethoden.

Babyteeth, der erste Spielfilm der Australierin Shannon Murphy, wandelt auf den Pfaden von "Sick-Lit"-Verfilmungen wie The Fault in Our Stars, hat dabei aber eine eigene erfrischende Note. Etwas abseits von den gängigen Stilmitteln Hollywoods blüht der toll inszenierte Film durch seine Figuren und deren unverbrauchte Besetzung regelrecht auf. Babyteeth ist ein schön anzusehendes, trauriges, aber auch belebendes Coming-of-Age-Drama mit Indie-Elementen, das nicht nur beim grandiosen Soundtrack die richtigen Töne trifft.

Das Genre des Coming-of-Age-Dramas wurde in den letzten Jahren mit einer Welle von "Sick-Lit"-Verfilmungen überschwemmt. The Fault in Our Stars, Everything, Everything, Me and Earl and the Dying Girl oder Five Feet Apart folgten alle ähnlichen Mustern. Krankheit, Tod und die junge Liebe sind die Kernthemen dieser Geschichten, gekleidet meist im typischen Hollywoodgewand. Die in der goldenen Filmfabrik noch völlig unbekannte Australierin Shannon Murphy hat bisher Kurzfilme und Episoden für einheimische Serien gedreht. Mit ihrer ersten Regiearbeit Babyteeth greift die Filmemacherin dieselben Schablonen genannter Filme zwar auf, erschafft damit aber eine erfrischend wilde, ungebändigte und künstlerisch-ambitionierte Version, die etwas abseits von Mainstream, gängiger Popkultur und traditionellen moralischen Gerüsten lebend funktioniert und dabei sehr ans Herz geht.

Das Drehbuch zum Coming-of-Age-Drama basiert nicht auf einem Roman, sondern stammt aus der Feder von Rita Kalnejais, die damit ebenfalls ihr Debüt feiert. Babyteeth ist gespickt mit spannenden Figuren mit Ecken und Kanten. Figuren, bei denen etwas tiefer gegraben wurde, als bei den amerikanischen Genrekollegen. Eine Lovestory sucht man hier auch länger vergebens. Dafür wird man mit etwas sonderbaren Nebenfiguren ausserhalb der Familie konfrontiert, die sich als wichtige Facetten herausstellen und das Erstlingswerk zwischendurch in ein herzlich-schräges Indie-Drama verzaubern.

Zauberhaft sind auch die fast hauptsächlich australischen Schauspieler: Eliza Scanlens (Sharp Objects) zartes und unverkrampftes Schauspiel verleiht ihrer anfangs etwas zu typischen krebskranken Hauptfigur genügend Tiefe und Originalität, um Milla von Beginn an interessant wirken zu lassen. Hollywoods neuster Lieblingsbösewicht Ben Mendelsohn (Ready Player One) als Vater, The Babadook-Mama Essie Davis als Mutter und Toby Wallace (The Society) als suchtkranker Schwiegerelternalbtraum Moses unterstützen ihre grandios geschriebenen Charaktere neben ausgezeichneten emotionalen Performances auch mit etwas verspielter Verrücktheit.

Die Inszenierung, das Set-Design und der Soundtrack sind dazu eine Wucht. Babyteeth wirkt lebendig, besticht durch grelle Farben und viel Licht. Die verschieden eingesetzten technischen Stilmittel und Ideen aus Arthouse- und Indiebereich treffen zwar nicht alle ins Schwarze, das ändert aber nichts daran, dass Shannon Murphy ein erstaunlicher Erstling gelungen ist.

/ yan